Unsere Lektüretipps

Unsere Buchtipps über den Tag hinaus

Tipp 28 Max und Moritz oder Der Struwelpeter stehen heute fast schon auf dem Index für kindertaugliche Bücher: Man hüte sich als Buchhändler davor, sie zu empfehlen.  Bilder- und Kinderbücher liegen aber im Trend, sagen die Analysten der Marktforschungsinstitute. Diese veröffentlichen monatlich ihre Resultate und die Verlagsvertreter hauen dementsprechend in den Buchhandlungen auf die Pauke. Meine Erfahrung mit Bilderbüchern lässt vermuten, dass eineindeutige Aussagen nicht möglich sind. Sicher scheint mir allerdings, dass Weltanschauung und Ästhetik, je länger je mehr auch der individuelle Geschmack, die Auswahl der Kunden und Kundinnen bestimmen: Bücher für Kinder sollen eine heile, harmonische Welt zeigen; der Alltag, so vermute ich herauszuhören, sei schon aggressiv und brutal genug. Kinder aber, scheint mir, schätzen Geschichten; Geschichten, die sie zu Fragen anregen, was denn richtig sei und was falsch. Und da sollte man nicht neutral sein – aber auch nicht apodiktisch auf das pochen, was man selbst als richtig oder falsch betrachtet.
Zwei Bilderbücher möchte ich Ihnen dazu empfehlen: Von Matias Acosta aus Uruguay ist kürzlich ein poetisches, wunderbares Bilderbuch erschienen, das einen konfrontiert mit der Frage, was Zugvögel für Menschen bedeuten können. Zugvögel sind allerdings keine Vögel, wie ein Schüler eines mir befreundeten Lehrers erklärte, keine Vögel, die in einem Bahnhofsgelände wohnen, schrieb. Wer Uruguay kennt, mag sich in die phantastischen Illustrationen schnell einleben, doch auch ohne Landeskenntnis animiert das Bilderbuch zum Träumen. Drei Gänse legen bei einem entlegenen Hof einen Zwischenstopp ein und der einzelgängerische Bewohner ahnt, dass eine nicht ganz einfach zu lösende Aufgabe auf ihn zukommt. Eine Aufgabe allerdings auch, die ihn lehrt, Abschied zu nehmen und auf ein Wiedersehen zu hoffen.
Das zweite Bilderbuch ist traumhaft schön von der lettischen Illustratorin Anita Kreituse illustriert und erzählt ein von Lafcadio Hearn nacherzähltes altes japanisches Märchen. Der Junge, der Katzen malte erzählt die Geschichte eines klugen jedoch schwächlichen Jungen, den die Eltern in ein Kloster gaben. Der Junge malte lieber, als sich mit rituellen Gebräuchen abzugeben. Und er malte am liebsten Katzen. Eines Tages, als der Junge ein paar besonders gelungene Katzen auf einen Wandschirm gemalt hatte, wurde es dem alten Priester doch zu bunt und er schickte den Jungen fort – freundschaftlich und mit gutem Rat:  „Meide grosse Räume in der Nacht – halte dich an kleine!“ Mehr sei nicht verraten. Ein grandioses Buch über die Macht der Phantasie, wenn diese gepaart ist mit wacher Klugheit.
Matias Acosta: Die Sommergäste/Las visitas del verano; Baobab Verlag, Fr. 24.80
Lafcadio Hearn/Anita Kreituse: Der Junge, der Katzen malte; Edition Bracklo, Fr. 32.40

Tipp 27 Ohne Zweifel: Es gibt Bücher, besser vielleicht Texte, die sich weniger eignen, ausgeliehen zu werden: Die Bibliothek wird sie zu schnell wieder zurückrufen, und wer sie privat ausleiht, wird sie meistens kaum wieder zurückerhalten. Zu diesen Textsorten zählen Gedichtbände, umfangreiche Erzählsammlungen oder auch Aphorismen und Maximen. Eines der wohl bekanntesten Beispiele dafür ist  die Bibel.
Im Weiteren möchte ich Sie mit vier Empfehlungen zu begeistern versuchen.
Johann Peter Hebel zählte noch vor vierzig Jahren zum Kanon der deutschsprachigen Literatur, sein Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes, 1811 erstmals bei „Cotta“ erschienen, geschätzt von Walter Benjamin und Franz Kafka, ist allerdings noch heute weder sprachlich noch thematisch verstaubt. Hebels Kalendergeschichten sind im besten Sinne erbaulich und von tiefgründigem Humor: Wer „Kannitverstan“ gelesen hat, die Geschichte vom namenlosen Handwerksburschen aus Duttlingen, der in Amsterdam lernt, mit seinem Schicksal freundlich zu sein, findet auch Schlüssel zum Verständnis der heutigen Welt.
2001 oder genau 350 Jahre nach der Erstausgabe erschien im Ammann-Verlag eine seiner legendären verlegerischen Grosstaten: Das Kritikon von Baltasar Graciàn. Das tausendseitige Opus, ausserhalb der hispanischen Welt heute kaum mehr bekannt, könnte man als philosophisch-satirischen Roman bezeichnen, der die Beziehung des Menschen zur Natur, Kunst und Moral zum Thema hat. In Spanien lernen die beiden Protagonisten die Flaschheit der Frauen kennen, in Frankreich die schönen Künste und – im schönen Italien – die Essenz aus allem. Farbenprächtig, intellektuell anregend, locker geschrieben – und leider, auch in der Taschenbuchausgabe, schon längst wieder vergriffen. Ein Jammer. Graciàn allerdings ist im kühleren Norden vor allem noch bekannt, auch wenn kein Bestseller, durch das 1828-1832 von Arthur Schopenhauer übersetzte Handorakel und Kunst der WeltklugheitNein, das Buch ist weder ein esoterisches Elaborat und auch kein simpler Ratgeber für Liebeskummer oder andere Gefühlsunbill; das schmale Buch versammelt schlicht 300 Maximen oder Aphorismen, die einem das Leben nicht vereinfachen aber besser verstehen helfen können – sofern man darüber nachdenkt.  Hans Ulrich Gumbrecht, Romanist und em. Professor an der Stanford University, Gastautor u.a. der ZEIT oder der NZZ, hat für den Reclam Verlag das Handorakel neu übersetzt und kommentiert. Der Jesuit Graciàn hat kein philosophisches Gedankengebäude hinterlassen, aber Gedanken über Gott und die Welt, worüber sich mit Gewinn nachdenken lässt. Ein Buch, das man anders als seinen Roman in kleinsten Häppchen lesen sollte, langsam und genau. Für mich die Lektüre am frühen Morgen.
Adelheid Duvanel  ist wohl die bedeutendste und gleichwohl unbekannteste Schweizer Autorin, genauer: Erzählerin, des 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1936 in der Nähe Basel geboren und starb auch dort 1996, „nicht ohne eigenes Zutun, aber auch nicht durch eindeutigen Suizid“, wie Peter von Matt im Nachwort zu ihrem letzten posthum erschienen Band Der letzte Frühlingstag geschrieben hat. Zu Lebzeiten sind insgesamt sechs schmale Bände mit Kurzerzählungen erschienen; Peter von Matt stellte 2004 den Auswahlband Beim Hute meiner Mutter zusammen und versah diesen ebenfalls mit einem exzellenten, erhellenden Nachwort. Es ist nun dem Limmat Verlag zu verdanken, dass sämtliche Erzählungen der Basler Autorin wieder greifbar sind. Duvanels kurze Erzählungen entziehen sich der autobiografischen Schau, es sind äusserst dichtgewobene literarische Preziosen, in denen jede Figur so plastisch wird, dass man sie greifen möchte. Die Intensität dieser Geschichten macht es aus, dass man – vergleichbar ein wenig mit jenen von Christine Lavant – kaum mehr als eine pro Tag lesen sollte. Für den Einstieg empfehle ich Ihnen eine frühe Erzählung, die noch kleine Episoden aus der Kindheit enthält: INNEN und AUSSEN.
Lew Rubinstein, 1947 in Moskau geboren, war zur Zeit der Sowjetunion einer der bekanntesten Kolumnisten und Schriftsteller im Untergrund. Heute unterstützt er zivilgesellschaftliche Aktivitäten gegen die Repressionen des Putin-Regimes. Ein ganzes Jahr. Mein Kalender heisst das eigenartige Buch, das jüngst in der Friedenauer Presse erschienen ist. In der Vorbemerkung Jahreszeiten liest man u.a.: „Wirklich real ist nur unser Gedächtnis, das aus dem trüben Strom des Seins absolut nutzlose und absolut kostbare Details herausfisch. (…) Schönheit ist etwas Relatives. (…) Damit beschäftigt sich – mit wechselndem Erfolg – die Kunst. Liebe ist absolut, denn ihre Motive sind nicht erklärbar. Was sie ist, ist nicht verhandelbar.“ Für einen jeden Tag eines Jahres schleicht sich Rubinstein etwas Nutzloses oder auch etwas Kostbares ins Gedächtnis, die Patentierung des Strohhalms als Trinkhalm zum Beispiel am 3. Januar 1888. Ein tolles, sowohl nutzloses wie auch erfrischendes Brevier für alle, die noch an die Zukunft glauben.
Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes; verschiedenste Ausgaben, z.B. Fischer TB, CHF 12.50
Baltasar Graciàn: Das Kritikon – vergriffen, Neuauflage unbestimmt, nur noch antiquarisch erhältlich
Baltasar Graciàn: Handorakel und Kunst der Weltklugheit; übersetzt u. herausgegeben von Hans Ulrich Gumbrecht, Reclam, geb. CHF 35.90 (diverse Ausgaben übersetzt von Schopenhauer ebenfalls lieferbar)
Adelheid Duvanel: Der letzte Frühlingstag – vergriffen
Adelheid Duvanel: Beim Hute meiner Mutter; mit einem Nachwort von Peter von Matt, Nagel & Kimche, CHF 30.90
Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen, Limmat Verlag, CHF 44.–
Lew Rubinstein: Ein ganzes Jahr. Mein Kalender; Friedenauer Presse, CHF 41.50

Tipp 26 Im Herbst 2019 erschien im Verlag Knesebeck ein unglaublich faszinierender Bildband von Vincent Munier und Sylvain Tesson: „Zwischen Fels und Eis. Auf den Spuren der letzten Schneeleoparden in Tibet.“  Die Grosskatzen leben in 3500 – 6000 m ü.M. in Zentralasien, im Himalaya, Altai, Tianshan, Pamir und Hindukush.  Der Bildband ist deshalb schon einzigartig, weil er dokumentiert, wie schwierig es auch im 21. Jahrhundert noch ist, das scheue Wildtier zu fotografieren. Muniers Bildband ist  kaum zu übertreffen: Seine Bilder zeigen und machen einem bewusst, dass Tierfotografie in äusserst entlegenen geografischen Gegenden und  auch extremen klimatischen Verhältnissen einerseits unser Sehverhalten in den Wäldern und Wiesen Europas schärfen kann und andererseits uns auch auf einen Boden bringt, der einen erst einmal berscheiden macht. Das Aussergewöhnliche dieses einzigartigen Bandes besteht für mich  darin, dass vom ersten Bild an klar wird, dass es dem Fotografen und seiner Crew nie darum geht zu zeigen, was für tolle Abenteurer oder Extremsportler sie sind: Landschaft und Fauna sind die Protagonisten.
Ich sah übrigens 2005 erstmals einen Schneeleoparden, ein kaum drei Wochen altes Jungtier, als ich von Kashgar kommend, beim ersten pakistanischen Grenzposten am Khunjerab-Pass meine Papiere vorweisen musste. Seine Mutter wurde von Wilderern geschossen und zufällig von Rangern gefunden. Und einige Jahre später sind wir auf einem Pferdetrekking auch in Kirgistan auf den „Bars“ gestossen, zumindest auf seine Losungen.
Vincent Munier/Sylvain Tesson: Zwischen Fels und Eis; Knesebeck Verlag, Fr. 107.–

Tipp 25 1973 erschien in der DDR, im Verlag Volk und Welt, die erste deutschsprachige Ausgabe von „Traum im Polarnebel“; der auf der tschuktschischen Halbinsel im äussersten Osten der UdSSR geborene Autor blieb allerdings in Westeuropa bis zur Wiederentdeckung 1991, als der Roman im Unionsverlag neu aufgelegt wurde, unbekannt. Die russische Ausgabe erschien schon 1968 und es ist ohne jeglichen Zweifel ein ganz grosser Wurf – Weltliteratur vom Rand der Welt! Juri Rytchëu (1930-2008), Sohn eines Jägers, wuchs in der ursprünglich schriftlosen Sprachgemeinschaft der Tschuktschen auf, einem Volk, das damals kaum mehr als 12’000 Seelen zählte. Sein bahnbrechender Roman, den man als realistischen Abenteuerroman bezeichnen könnte, erzählt vom Kanadier John MacLennan, der bei einer Schiffshavarie in der Beringstrasse schwer verletzt und von einer tschukschischen Schamanin gerettet wurde. Das Buch packte einen jedoch nicht nur wegen der handlungsreichen Geschichte, Rytchëu flicht in seinen Roman seine Erfahrung und sein Wissen über das Leben seines Volkes ein, dass man z.B. die Walrossdärme richen kann, die für luftundurchlässische Jacken und Mäntel gebraucht wurden.
Drei Jahre später erschien die Fortsetzung „Polarfeuer“ (dt. erst 2007), die in der UdSSR nur zensuriert erscheinen konnte; für die deutsche Ausgabe stellte der Autor wieder ie ursprüngliche Fassung her. Die Bücher von Juri Rytchëu, der übrigens 1995 bei uns gelesen hat, stehen für eine grossartige Literatur, die deshalb auch authentisch ist, weil der Autor aus seiner Erfahrung schöpfen kann. Juri Rytchëu ist der einzige Autor der indigenen Polarvölker Russlands, der international bekannt wurde; seine Bücher sind in über dreissig Sprachen erschienen und wurden zum Teil auch verfilmt.
Auf der Webseite des Unionsverlages finden Sie übrigens auch ein äusserst informatives Interview mit dem Autor, wo er darüber berichtet, wie die Völker und der Lebensraum der entfernten Polarvölker dezimiert werden.
Juri Rytchëu: Traum im Polarnebel, Unionsverlag, Fr. 19.90
Juri Rytchëu: Polarfeuer, Unionsverlag, Fr. 13.90

Tipp 24 Sibirien steht zur Zeit ganz ordentlich im Licht des deutschsprachigen Buchmarktes. Auf der russischen Halbinsel Kamtschatka zum Beispiel handeln gleich zwei erzählende Texte dieses Frühjahres. Die 1988  geborene Amerikanerin Julia Phillips z.B. freut sich zuerst einmal, „ein Buch da draussen in der Welt zu haben“; die Autorin verbrachte ab 2011 ein Jahr auf der entlegenen Halbinsel, die sie als pittoreske Kulisse für einen Roman wählt, wo zwei Mädchen spurlos verschwinden. Ihr Roman scheint vorerst vorhersehbar, ist recht spannend aufgebaut, setzt routiniert Cliffhangers ein, fliegt jedoch  sprachlich in eher tiefer Flughöhe und der Gewinn an Wissen über die russische, fernöstliche Halbinsel kommt nicht weit über Plattitüden wie russischen Machismus hinweg: Eine auswechselbare, sprachlich eher biedere, doch durchaus spannende Lektüre.
Die Anthropologin Nastassja Martin ist 1986 in Grenoble geboren, war Schülerin von Philippe Descola und machte in Fachkreisen mit einer Arbeit über ein indigenes Volk Alaskas auf sich aufmerksam. 2015 befand sie sich auf Kamtschatka beim Volk der Ewenen. Auf einer Bergwanderung wurde sie von einem Bären angegriffen, der ihr einen Teil des Gesichtes wegriss. Seither gilt sie bei den Ewenen als eine miedka, als ein Mensch, der auch ein Teil eines Bären ist. Ihr äusserst eindrückliches Buch erzählt von ihrer Rettung und Heilung – und nimmt dabei u.a. auch schonungslos den russischen Machismus im fernen Osten ins Visir. Martin schenkt man dabei wohl mehr Glauben als der Amerikanerin. Das schmale Buch überzeugt durch seine dichte Erzählung: Was erfährt man in einem russischen Krankenhaus auf einer weit entfernten Halbinsel, wenn man nur noch über einen Luftröhrenschnitt atmen kann und ans Bett gefesselt ist? Wie wird man von der indigenen Bevölkerung Kamtschatkas gepflegt, was passiert, wenn man wieder zurück in Europa ist?  Nastassja Martin legt einen auch literarischen Erlebnisbericht einer Frau vor, die als Wissenschaftlerin auch in Kauf nimmt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Eine happige Lektüre, die unglaublich positive Kraft freisetzt, alle Unbill, die wir hier gesichert in Europa erleben, als „Nasenwasser“ zu erleben. Lektüreerlebnisse werden immer individuell und somit anders wahrgenommen – für mich stimmt in diesem Buch alles, was ein Erlebnisbericht wertvoll macht: differenzierte und gleichwohl Stellung beziehende Wahrnehmung der äusseren Umstände, sensible, doch zurückhaltende eigene Erfahrung, und eine dazu adäquate Sprache.
Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde, dtv, Fr. 28.90
Nastassja Martin: An das Wilde glauben. Matthes & Seitz, Fr. 25.90

Tipp 23 Eine dänische Autorin macht in der Literaturszene Furore und ihre sogenannte „Kopenhagener Trilogie“ wird gar im kommenden Literaturclub vom 2. März diskutiert. Angepriesen werden die drei schmalen Bände  auch so: „Vergessen Sie Knausgard“. Dazu sagte man früher: Ein „Buebetrickli“, heute ist’s auch ein „Meitlitrick“. Neuentdeckungen aus vergangener Zeit werden mit noch lebenden und gross gefeierten AutorInnen so in Beziehung gesetzt, dass der/die Letztere plötzlich alt aussieht. Damit ist leider weder über das Werk des einen noch das der anderen etwas Relevantes ausgesagt. Nur so viel: Es geht schlicht um Werbung und um Auflagenhöhe und um Geld.
Tove Ditlevsen ( 1917 – 1976) heisst die nun hoch abgefeierte Autorin. Ihre erste deutsche Veröffentlichung erschien 1980 als Band 1009 der edition suhrkamp unter dem Titel Sucht. Erinnerungen. Der dänische Titel Gift meint im Deutschen sowohl Ehe wie auch Sucht. Das Buch, 1971 in Kopenhagen erstmals erschienen, schildert die Erfahrungen einer jüngeren Autorin in den frühen 40er Jahren des Zweiten Weltkriegs; sie sucht ihren Weg als Frau und Autorin, als Schriftstellerin und Liebende, und erzählt davon, wie sie einer Drogensucht entfliehen möchte – mit anderen (Ehe)Männern und mit Schreiben. Ihr Weg scheint zu gelingen, ist hart und weit und offen. Es soll allerdings auch daraug hingewiesen sein, dass Sucht ohne geringste Einschränkung als eigenständiges Werk gelesen werden kann. Und, ohne Zweifel ist es ein Buch, das man heute noch mit grossem Gewinn liest. Oder mit anderen Worten: Literatur.
Dem Aufbau Verlag sei’s gedankt, dass er die sogenannte „Kopenhagener Trilogie“ neu übersetzt wieder vorlegt. „Kindheit“ , „Jugend“ und „Abhängigkeit“  – bei Suhrkamp vor 41 Jahren „Sucht“ – liegen nun als auch grafisch schön gestaltete Einheit vor. Die Übersetzungen kann ich nicht beurteilen, da ich des Dänischen unmächtig bin. „Sucht“ und „Abhängigkeit“ unterscheiden sich diesbezüglich, dass die neue Ausgabe bei Aufbau um ein Mü geglätteter oder emotional berührender daherkommt. Mir persönlich scheint, dass die deutsche Erstausgabe wohl dem Original näherkommt. Doch das sind nebensächliche Dinge. Weniger erfreulich, doch dem schnelllebigen Markt angepasster, ist, dass der Aufbau Verlag seiner sicher verdienstvollen Ausgabe nirgendwo der Autorin ein Nachwort schenkt, das sowohl ihrer Tätigkeit im Weiteren wie auch dem ersten Verleger Suhrkamp Rechnung trägt. So ist zu befürchten, dass der Hype von Literaturclub etc. dem ausserordentlichen Werk der Dänin einen Bärengefallen macht.
Tove Ditlevsen: Sucht. Erinnerungen, edition suhrkamp, vergriffen
Tove Ditlevsen:  Abhängigkeit, Aufbau Verlag,  Fr. 25.90

Tipp 22 Neue Literatur aus der Schweiz I Dystopien bleiben nur in Ausnahmen über die Saison hinaus aktuell und auf dem Markt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass es nur singuläre  Autoren wie George Orwell zum Beispiel gibt, der mit Animal Farm und 1984 gleich zwei Romanwerke geschaffen hat, in denen sich der Autor politisch, philosophisch und sozialkritisch mit den zivilisatorischen Entwicklungen des Homo sapiens literarisch wie gedanklich so auseinandergesetzt hat, dass sie heute noch Sprengkraft besitzen.
2017 stand Martina Clavadetschers Roman Knochenlieder zu Recht auf der Shortliste des Schweizer Buchpreises. Ihr neuer Roman Die Erfindung des Gehorsams wird vom Verlag als wichtigste Schweizer Neuerscheinung gepriesen. Der Roman, der formal an ein Theaterstück erinnert, handelt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Diese sieht für uns Menschen nicht allzu rosig aus, doch das weibliche Geschlecht darf auf Emanzipation hoffen, dort jedenfalls, wo es als Mutantinnen sich befreien kann. Das Buch handelt in New York, in einem imaginären Guangzhou in Südchina und in Europa; die Orte allerdings erscheinen im Roman mehr als Bühnenbilder denn als reale geografische Stätten. Das Buch gliedert sich, bleiben wir beim Theater, in vier Akte: Iris als Hauptfigur tritt in New York auf; Ling in Guanszhou und Ada in Europa. Iris, so nimmt man bald einmal an, ist eine halbwegs intelligente Sexpuppe eines frustrierten, bindugsunfähigen Amerikaners; Ling schuftet als hochintelligente Arbeiterin in einer Fabrik in Südchina, wo solche Puppen hergestellt werden, und die im Buch auftretende Ada aus dem frühen 19. Jahrhundert, Gehilfin von Babbage – kennen Sie diese beiden? –  taucht als erste Programmiererin auf. Wenn man Ada Augusta Lovelac googelt, erfahren Sie mehr über die geheimnisvolle Mathematikerin, einzige legitime Tochter übrigens von Lord Byron. Die am Anfang von Clavadetscher angelegte Dystopie entpuppt sich am Ende als Utopie einer neuen Welt, wo das weibliche Geschlecht als Mutantin selbstbestimmt ist.
Das Buch leider kann nicht recht überzeugen, obwohl es durchaus spannend zu lesen ist. Doch: Die Schauplätze bleiben Papier, die Figuren leben nicht, die Autorin mischt real existierende Personen in ihren Roman, die weitgehendst unbekannt sind, und einem als Leser zwiespältig oder gar unmotiviert als Statisten vorkommen; die Arbeitsverhältnisse in der Fabrik der Sexpuppen berühren nicht, sind steril. Und: Der Autorin gelingt es nicht, einen nur auch halbwegs vernünftigen Gesellschaftsentwurf für die Zukunft  aufzuzeigen.
Da hilft auch der extravagante Satzspiegel nicht hinweg, der das Buch sprachlich in höhere Sphären schwingen möchte.
Und nebenbei: Natürlich hätte ich das Buch von Martina Clavadetscher einfach ignorieren können, doch vielleicht erwarten Sie von mir auch ab und zu eine Meinung, die nur eine bedingte Leseempfehlung ist.
Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams. Roman, Unionsverlag, Fr. 30.–

Tipp 21 Naturkundliches II Die Birke ist zwar in unseren Wäldern ein nicht allzu häufig anzutreffender Baum, unverkennbar ist sie doch mit ihrem weissen Stamm. Herbert Adrian Ortner hat diesem Baum eine Monografie gewidmet, die interdisziplinär sich dieser Baumart in sieben grossen Kapiteln annähert. (Vor ein paar Jahren wagte der Ott Verlag dasselbe mit dem Ahorn, was aber in meinen Augen etwas zu akademisch ausgefallen ist.) Ganz im Gegenteil überzeugte mich nun der Band zur Birke. Da erfährt man alles über diesen Baum, den ich in grossen, lichten Wäldern auf meinen Reisen in Zentralasien immer wieder angetroffen habe. Zum Beispiel erfährt der geneigte Leser, welche Schädlinge dem Baum zu schaffen machen, mit welchen Pflanzen er eine Symiose eingeht, welche Pflanzen und Pilze man in seiner Umgebung findet; man erfährt aber auch fast alles über die Verwendung des Holzes, sei es nun als Brennholz oder als Sperrholz für Teeverpackungen, die der Teesendung keine unerwünschten Geschmacksveränderungen mitgibt, sei es als Heilmittel oder sei es auch in Bereichen der Mythologie oder Hexerei. Ein Buch, das wahrscheinlich kaum eine zahlreiche Käuferschaft findet, das aber jede und jeden nach einer beglückenden Lektüre reich beschenkt zurücklässt. Nicht zuletzt deshalb, weil es ein Wissen gibt, das einen bereichert, ohne dass sich das materiell auszahlt.
Herbert Adrian Ortner: Die Birke. Ihre Bedeutung aus interdisziplinärer Sicht, Ott Verlag, Fr. 42.–

Tipp 20 Mit einer Auflage von 500’000 Exemplaren zählt das 1954 erstmals erschienene „Werkchen“ Bäume und Sträucher des Waldes, wie es der Forstwissenschafter Gottfried Amann es damals im Vorwort (mit grossem Understatement) charakterisiert hatte, zu den erfolgreichsten populärwissenschaftlichen Bestimmungsbüchern. Gut vier Jahre musste man warten, bis jetzt die neue 21. Auflage erschienen ist. Neben einem fundierten und auch für Laien gut verständlichen Text, wo Nadeln oder Blätter, Blüten, Früchte, Samen oder Keimlinge und auch die bevorzugten Standorte etc. präzis beschrieben werden, überzeugt das „Taschenbildbuch, für den Gebrauch im Walde bestimmt“, vor allem auch durch die akribisch genauen Bilder des Kunstmalers Paul Richter. Wie so oft erkennt man dann auch auf den ersten Blick die Vorteile der gemalten oder gezeichneten Abbildung gegenüber der noch so guten Fotografie. Das Buch hat seinen Preis, der gemessen an einem Menschenleben allerdings minim ist, darf doch mit Fug behauptet werden, dass Amanns Bäume und Sträucher über Generationen hinaus Gültigkeit haben wird und stets wieder Freude am Entdecken der Natur bereitet.
Allerdings wird einem auch bewusst, dass diese Freude erarbeitet werden muss. Genaues und immer wieder überprüfendes Beobachten ist unabdingbar, doch mit der Erfahrung wächst eigenes  Wissen. Bewusst wird einem aber auch, dass selbst das beste Buch keine App ersetzen kann, die mit einem Klick dem Anwender den Namen einer Pflanze anzeigt. Die App allerdings lässt einen unwissend oder gar hilflos zurück, wenn sie einmal fehlt. Oder mit andern Worten: Es lohnt sich darüber nachzudenken, wie weit man das eigene Wissen, mit dem auch Lebenserfahrung verknüpft ist, outsorcen möchte.
Amann: Bäume und Sträucher des Waldes; Neumann-Neudamm, Fr. 76.–

Tipp 19 Das AO, doch von was? Patrizia Villiger betreut u.a. das Schlusskorrektorat der Zeitschrift DU und anderen Publikationen. Mit ihrem AO publizierte sie nun kürzlich einen Leiftaden zur deutschen Sprache. Nein, ihre auch schön gestaltete Broschur ist kein Nachschlagewerk im Sinnde der DUDEN-Wörterbücher, es will auch nicht in Konkurrenz treten zum bewährten und ausführlich-trockenen Richtiges Deutsch von Heuer/Flückiger/Gallmann. Was denn? Patrizias Villigers Buch, gut 200 Seiten stark, richtet sich an Leute, die mit der deutschen Sprache im schriftlichen Ausdruck  eigentlich schon auf gutem Fuss stehen, dennoch aber da und dort unsicher sind. Patrizia Villiger nimmt alle Fussangeln souverän auf, öffnet diese – oder klärt sie – an gut nachvollziehbaren Beispielen und sichert demjenigen, der sich schriftlich äussern muss, Sicherheit. Das Buch ist ein gelungener Zwitter: Kein reines Nachschlagewerk und auch kein Lehrbuch. Ein Buch jedoch, das allen Freude bereitet, die sich gerne schriftlich mitteilen – jenseits der wohl zu gängigen SMS. Kurz: Ein Buch, das mit grossem Gewinn aufmerksam gelesen werden kann, auch wenn man es nur für einzelne grammatikalische Fragen benötigt. Für Menschen, die auch businessmässig unterwegs sind, sprich: international sich in englisch ausdrücken müssen, finden im AO auch immer die richtigen Formulierungen.
Patrizia Villiger: Das AO, Eigenverlag, Fr. 48.–

Tipp 18 Was war hier bloss los? Das Bilderbuch der in diesen Tagen 95 Jahre alt werdenden Illustratorin Gerda Muller, das vor gut zwanzig Jahren erstmals erschienen ist, stellt vieles in den Schatten, das seither publiziert wurde. Das Buch zeigt für mich auf eindrücklichste Art, dass mit traditionellen bildnerischen Mitteln bei Kindern, ja sogar bei Erwachsenen, eine Spannung aufgebaut werden kann, die zudem Wissen fördert: Erkenntnis kommt vor fun! Das traditionell illustrierte Buch der versierten niederländischen Illustratorin nimmt einen mit auf einen geheimnisvollen Spaziergang: Sind das die Spuren des Jungen, des Hundes, des Hasen, der Elster, oder des Vatesrs? Und welche Geschichte erzählen sie uns? Zu sehen sind in einer Winterlandschaft nur Spuren und keine Lebewesen – und beim genauen Hinsehen entspinnt sich nun im Kopf eine Geschichte, der man auch noch heute in diesem Winter gerne mit Aufmerksamkeit und detektivischem Schaefsinn folgt.
Gerda Muller: Was war ier bloss los? Moritz Verlag, Fr. 16.90

Tipp 17 „Nace 1932 en Schaffhausen (Suiza). Realizará sus primeros studios en Basadingen y Diessenhofen. Posteriomente estudiará ballet classico en Ginebra.“
Wer kennt noch heute diese Frau, die dann als Ballettänzerin und Model in Paris Furore machte und es dabei auf die Titelseite von „Sie und Er“, einer der beliebtesten wöchentlich erschienenen Zeitschriften  aus dem Haus Ringier, schaffte;  die in den späten 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Mann aus Venezuela kennenlernte und nach Südamerika auswanderte? Barbara Brändli ist ohne Zweifel eine der grossen Unbekannten – auch bei den  Kulturverwaltern unseres Landes, der Kantone Schaffhausen und Thurgau. Die autodidaktisch sich frortbildende  Brändli entpuppte sich schon früh als herausragende Fotografin. Dank Beziehungen und eigenem Mut, durfte und konnte sie schon früh die Lebensweisen venezolanischer Indigenen beobachten und fotografisch dokumentieren. Wer nach Spuren ihres Werkes im deutschsprachigen Raum sucht, findet erstamals eine 1964 und dann nochmals 1967 und 1969; allerdings führen einen die dazu verfügbaren bibliographischen Angaben in eine Sackgasse. Kurz: im DU-Heft 312 vom Februar 1967 findet sich eine Fotoreportage von Barbara Brändli. In allen Bibliographien wird allerdings das DU-Heft 324  vermerkt, da findet man zwar keine Bilder von Barbara Brändli, dafür aber eine sehr frühe Fotoreportage von Hans Dossenbach. Hans Dossenbach wie Barbara Brändli wurden Opfer der Digitalisierung der Fotografie – beide sind dennoch heute mit ihren frühen Fotografien Zeugen einer Zeit, die es so nicht mehr gibt.
Barbara Brändli; (Hrsg. von Michel Otayek), PhotoBolsillo aus der Edición LA FABRICA, Madrid, 2018, Fr. 30.– Die kurzen Texte sind in Englisch und Spanisch.

Tipp 16 Unvergessliche Trilogien II John Dos Passos (1896-1970) gilt als einer der wichtigsten modernen Klassiker der US-amerikanischen Literatur. Sein erster Band der USA-Trilogie, Der 42. Breitengrad, erschien erstmals 1930, vier Jahre vor Bánffys erstem Band der „Siebenbürger Geschichte“. Der Unterschied der beiden Werke ist schlicht fundamental. Wenn der Ungare in elegischem Ton vom Untergang einer grossen Epoche schreibt, so sehen wir uns in Dos Passos gigantischer Trilogie mit einer Zeit konfrontiert, die unserer ziemlich ähnlich ist. Dos Passos verknüpft in seinem grossen Romanwerk Zeitgeschichte als filmisches Kameraauge und lässt daneben fiktiven Lebensläufen diverser Protagonisten freien Lauf – und uns als Leser auch freie Phantasie. Es ist ein Roman, der einem auf eindrücklichste Art offenbart, wie sozialer Aufstieg einerseits und Armut und Verzweiflung andererseits die beiden Seiten derselben Medaillen sind, die die USA bis heute prägen. Ein Roman auch, der einen mühelos mitnimmt auf eine stets spannende und packende  Reise. So verschieden in Sprache und Stil und Weltanschauung diese – und im übrigen auch die folgenden Trilogie-Vorschläge – auch sind: Sie alle haben existenziell etwas mit dem Leben zu tun – mit einer Existenz, die auch uns Heutige immer noch und wieder umtreibt.
Das Buch erschien im vergangenen November bei Rowohlt in neuer Übersetzung. Und, bleiben Sie beim Preis gelassen – wo finden Sie denn schon rund 1600 Seiten auf feines Papier gedruckt Weltliteratur, die man nicht mehr vergisst für nur Fr. 64.–!
 

Tipp 15 Unvergessliche Trilogien I  In einer unserer Veranstaltungen, die wir als Programmverantwortliche 2013 für die Schaffhauser Buchwoche organisierten, stellten Arpad Andreànszkij und Silvia Nogradi  den frühen ungarischen Klassiker der Moderne Miklós Bánffy (1873-1950) den damals neu erschienenen zweiten Band der grossartigen Trilogie der  „Siebenbürger Geschichte“ vor. Zwar verpassten wir den Einstieg, die der Zsolnay Verlag in der kongenialen Übersetzung des ehemaligen NZZ-Feuilleton-Redaktors Andreas Oplatka mit dem ersten Band Die Schrift in Flammen schon ein Jahr zuvor, 78 Jahre nach der ungarischen Erstveröffentlichung, vorgelegt hatte; die Veranstaltung wurde dennoch zu einem schönen und  nachhaltigen Erfolg.
Wenn ich jetzt nochmals darauf zurückkommen möchte, dann deshalb, weil in jüngster Zeit Neueditionen bemerkenswerter Trilogien erschienen sind.
Doch zurück zu Bánffy: Ich hab den ersten Band jetzt nochmals gelesen: atemlos und mit roten Ohren. Dem Autor, selbst aus begütertem Adel der Region stammend, gelingt es, in seinem Hauptwerk die goldene Zeit Siebenbürgens zwischen 1904 – 1914, im Grenzgebiet Ungarns und Rumäniens gelegen, derart in eine ausufernde, doch nie nur im Geringsten langfädige, dafür umso farbigere und packende Romanhandlung  zu packen, dass man sich von der ersten Seite weg um gut hundert Jahre zurückversetzt fühlt. Mit den vielen auftretenden Personen im Roman bewegt man sich als LeserIn zwar bald sicher in diesen sozial gehobenen Kreisen, auch wenn man sich nicht alle Auftretenden sogleich merken kann. Es ist, wie wenn man an eine Party geladen wird, wo man fast niemanden kennt und alle, die einem vorgestellt werden, gleich wieder vergisst, zumindest dem Namen nach. Doch das legt sich alles mit der Zeit – oder mit den Seiten im Roman. Lassen Sie sich einfach vom eleganten Stil verführen – schön ist dabei: Es passiert Ihnen nichts, abgesehen von einem phantastischen Leseerlebnis, das Sie so schnell nicht vergessen werden. Dekadenz und Untergang, so dämmert einem allerdings, zeigt sich zuerst in einem gesellschaftlich  gesteigerten Kunst- und Kulturverständnis. Und in diesem Sinne ist die „Siebenbürger-Trilogie“ vielleicht trotzdem viel aktueller als es scheint.
Miklós Bánffy: Die Schrift in Flammen (Siebenbürger Geschichte 1) geb. bei Zsolnay, vergriffen, neu bei dtv, Fr. 28.90
Die Bände 2 und 3 sind noch gebunden oder ebenfalls bei dtv lieferbar.

Tipp 14 Nicola Steiner, Moderatorin des Schweizer Literaturclubs,  empfahl in der letzten Sendung zwei schmale Bändchen mit Prosa und Lyrik vom „Theopoeten“ Kurt Marti. Der Theologe und Lyriker aus Bern hätte wohl etwas verwundert geschmunzelt über die neue Wortschöpfung der umtriebigen Literaturfrau.
Gewiss ist, dass Kurt Marti nebst seiner Arbeit als Pfarrer grossartige Gedichte geschrieben hat – und in keiner Weise nachstehend, auch über Jahre regelmässig essyistische Beiträge für die Zeitschrift reformatio verfasst hat, die noch heute aktuell und frisch und anregend zu lesen sind. Diese sind 2007 erstmals im TVZ Verlag erschienen, antiquarisch müssen Liebhaber von Erstausgaben rund CHF 300 dafür ausgeben. Dass der Wallstein Verlag dieses, neben der Lyrik, zweite grosse Hauptwerk nun wieder zugänglich macht, zeugt von Kenntnis und Weitsicht. Notizen und Deatails 1964-2007 ist eine unerschöpfliche Fundgrube für alle, die sich freuen über einen unbestechlichen Intellektuellen, der gedanklich abwägend deutlich Stellung bezieht zu den drängenden Fragen der Zeit. Der wie ein Backstein in der Hand liegende Band versammelt neben politischen Fragen aber auch solche zu Literatur, Kunst und Religion, die noch heute frisch und aktuell und anregend zu lesen sind.
Sollten Sie Martis Gedichte vorziehen. seien Ihnen wärmstens die beiden Bände bei Nagel & Kimche empfohlen. Die beiden schmalen bei Wallstein und von Nicola Steiner anempfohlenen Bände aus dem Nachlass zählen kaum zu Kurt Martis wertvollsten Perlen und sind wohl nur für Sammler seines Werkes wirklich interessant.
Kurt Marti: Notizen und Details 1964-2007, Wallstein, Fr. 50.–
Kurt Marti: Im Sternzeichen des Esels. Sätze, Sprünge, Spiralen, Neuausgabe 2020 bei Nagel & Kimche, Fr. 30.–
Kurt Marti: Eo chiemte mer hi? Nagel & Kimche, Fr. 32.90
Kurt Marti: Die Liebe geht zu Fuss, Gedichte, Nagel & KimcheFr. 29.90

 

Tipp 13 Hans-Martin Kübler rief mich wenige Tage vor Weihnachten in der Buchhandlung an. Ich kannte ihn nicht – und er kannte mich  nur vom Internet. Er meinte damals: „Ich weiss, Sie sind Inhaber der letzten selbständigen Buchhandlung Schaffhausens, deshalb frage ich Sie: Darf ich Sie angeben als Buchhandlung, die mein Buch an Lager führt?“ Ich kannte sein Buch Mein Weg durchs Bauernleben 1953 – 2018 nicht. Doch als Schaffhauser Buchhändler möchte ich den Publikationen aus dem Kanton eine Plattform geben. So sagte ich Hans-Martin Kübler zu und bat ihn, mir fünf Exemplare in Kommission vorbeizubringen. Ich höre noch heute seine ganz leise Enttäuschung, doch am Tag danach brachte er mir die fünf Broschüren – schön gedruckt bei „Stamm +
Co. AG“ in Schleitheim.  Ohne ISBN, die das Werk auch urheberrechtlich schützt.
Hans-Martin Kübler hat unprätentiös ein unglaublich informatives und gleichzeitig auch emotional gefärbtes Buch geschrieben. Wir  sind mit einem Jahr Unterschied gleich alt. Mein Grossvater war Bauer, wie seiner. Die landwirtschaftliche Fläche unserer Grossväter war in etwa gleich gross, ebenso auch die Zahl der Tiere. Wo liegt nun der Unterschied: Mein Vater studierte, sein Vater blieb Landwirt, Hans-Martin Kübler blieb Landwirt, ich bin Buchhändler. Wenn ich sein schmales Buch lese, lese ich auch viel über meine Vergangenheit. Doch er, der dem Beruf seiner Vorfahren gefolgt ist, weiss über seine Herkunft und Gegenwart so zu erzählen, dass wir anderen 97% der Schweizer Bevölkerung  darüber nur staunen können. Kübler erzählt in seinem schmalen Buch, dass Siblingen eine Fröntler-Hochburg zur Nazizeit war, davon, dass sein Vater noch bis vor etwas mehr als vierzig Jahren mit Pferden die Pflugschar führte und er erzählt auch davon, welchen Herausforderungen Landwirte heute ausgesetzt sich. Hans-Martin Küblers Buch wurde bei uns zu einem der bestverkauften in jüngster Zeit – und ich, meinem Grossvater immer noch verbunden – , möchte Ihnen sein Buch als Erinnerung an vergangene Zeiten und als aktuelle Einschätzung, was Bauern für unsere Versorgung  erarbeiten, wärmstens empfehlen.
Hans-Marin Kübler: Mein Weg durchs Bauernleben, Fr. 20.–
nur im Bücher-Fass erhältlich.

Tipp 12 Briefe an Milena heisst zumindest dem Titel nach ein vielen wohlbekannter, umfangreicher Briefband von Franz Kafka. Es sind Liebesbriefe, die man getrost der Weltliteratur zuweisen kann mit dem einzigen Nachteil, dass die Frau, an die Kafka die Briefe gerichtet hat, als wirklich existierende Person verschwindet. Reiner Stach hat im zweiten Band seiner packend zu lesenden Kafkabiografie Milena Jesenská ein eigenes Kapitel gewidmet und darauf hingewiesen, dass Milena die einzige Freundin/Angebetete Kafkas war, die dem singulären Autor der Moderne auf Augenhöhe begegnete. 1984 schon publizierte der Verlag „Neue Kritik“ eine Auswahl von Feuilletons und Reportagen der 1896 geborenen und 1944 im KZ Ravenbrück ermordeten Tschechin. Es ist dem Wallstein Verlag zu verdanken, dass er dank seiner wissenschaftlichen Reputation Kafkas Milena nochmals eine Plattform gibt – Sie werden eine aussergewöhnlich eloquente Stilistin entdecken, die Ihnen die Augen zu öffnen vermag, an was zwischen 1919 und 1939 hellwache Frauen interessiert waren und wie sie sich gegenüber  zunehmend nationalistisch sich formierenden Gesellschaften verhalten haben. In Milena Jesenskás neu von Alena Wagnerova zusammengestellten Texten, die nicht nur die politisch engagierte Autorin ins Zentrum stellt, werden Sie Reportagen oder feuillonistische, kulturelle Texte, zum Beispiel zum Bauhaus, entdecken, die weit über die damalige Tagesaktualität hinausleuchten.
Milena Jesenská: Prager Hinterhöfe im Frühling, Wallstein Verlag, Fr. 41.50
Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, Fischer TB, Fr. 21.90
Franz Kafka: Briefe an Milena, Fischer TB, Fr. 20.50

Tipp 11 Bis zum 14. Februar dieses Jahres werden in München im „Haus der Kunst“ Bilder eines afrikanischen Künstlers gezeigt, der noch eine grosse Zukunft vor sich haben wird: Michael Armitage, geboren 1984 in Nairobi, Kenia. Es blieb mir leider verwehrt, die Ausstellung zu besuchen, doch schon der Katalog lässt den Puls höher schlagen. Auf den ersten Blick und wahrscheinlich auch aus beträchtlicher Distanz real im Museum, nehmen einen die Bilder farblich in Bann und zwar auf eine Art, die ich ästhetisch als harmonisch bezeichnen würde, auch wenn das nur Schöne durch kleine Misstöne festört wird. Viele der Bilder erinnern einen mit ihren türkis und rosafarbenen Flecken entfernt an Gaugin. Allerdings entwirren sich die Farben bei einem näheren Hinschauen nicht als gegenständliche Abbildungen, auch wenn da und dort bei genauerem Blick plötzlich Tiere und Menschen ins Bild kommen. Armitage versteht es im Weiteren auch, Motive der traditionellen europäischen Malerei, zum Beispiel Manets „Olympia“ verfremdend darzustellen – als Gibbonmännchen allerdings. Der Katalog präsentiert sich äusserlich unscheinbar, versammelt neben guten Farbabbildungen auch allgemeinverständliche und informative Texte zur ostafrikanischen Malerei im Allegemeinen und natürlich bestechen auch die  ausführlichen Bildbeschreibungen, die den oft zu eilig vorbeihuschenden Betrachter innehalten lassen: Michael Armitage ist eine Entdeckung wert.
Michael Armitage: Paradise Edict, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Fr. 37.40

Tipp 10 4 Fliegen mit einer Klappe ist der Titel eines spannenden, unterhaltsamen und auch noch lehrreichen Buches aus der italienischen Schweiz. Auch wenn der Titel einen etwas irritiert aufhorchen lässt, weil Zahlen z.B. im Deutschen bis Zwölf ausgeschrieben werden und Fliegen eigentlich nicht mit „einer Klappe“ erledigt werden, handelt es sich bei diesem Buch um etwas Singuläres und unbedingt Unterstützungswertes. Das Autor/innen-Team hat sich die Aufgabe gestellt, Redewendungen unserer vier Landessprachen vorzustellen, die zwar für das jeweilige Sprachgebiet dasselbe aussagen, aber andere Metaphern dazu verwenden. Das beginnt schon mit dem ersten Beispiel: „Ich verstehe nur Bahnhof“. Wir in der deutschsprachigen Schweiz wissen, was damit gemeint ist. Jemand aus der Romandie andererseits kann damit gar nicht anfangen, wenn er/sie die Redewendung direkt übersetzt. In Lausanne würde man sagen: „Comprendre que dalle“ und das hat für uns in Schaffhausen nichts mit Bahnhof zu tun. Es gibt allerdings auch Ausdrücke, die nicht zu übersetzen sind, oder die kein Äquivalent haben: „08/15“ zum Beispiel. 4 Fliegen mit einer Klappe ist ein erfrischendes, durchaus etwas chaotisch strukturiertes Buch in unseren vier Landessprachen – so könnte man es ja auch benutzen als Auffrischung unserer Sprachkenntnisse. Ein Sprachschatz, geborgen in einem Buch aus der italienischen Schweiz.
4 Fliegen mit einer Klappe. Salvioni Edizioni, Fr. 35.–

Tipp 9 Monika Maron, geboren 1941 in Berlin, verschlug es nach dem Zweiten Weltkrieg in die Ostzone, die DDR. Nach dem Abitur arbeitete u.a. sie ein Jahr lang als Fräserin, danach als Regieassistentin oder arbeitete als Reporterin bevor sie 1976 freie Schriftstellerin wurde. 1981 erschien bei S. Fischer ihr Debütroman Flugasche, der in der DDR nicht erscheinen durfte. Als im vergangenen Herbst ihr neuster Roman, immer noch im S. Fischer Verlag angekündigt wurde, meinte die Verlagsvertreterin: “ Maron driftet immer mehr nach rechts, wahrscheinlich nichts für Euch.“ Ich bestellte das Buch dennoch. Und im Dezember dann wurde offiziell, dass der grosse S. Fischer Verlag die Zusammenarbeit mit seiner Autorin Monika Maron nach fast vierzig Jahren gekündigt habe. Die weltanschaulichen Windfahnen bei S. Fischer begründen wirtschaftliche Gründe ideologisch und zeigen sich so als Saubermänner. Ein Jammer. Jenseits dieser Querelen möchte ich Ihnen aber Marons erstes Buch, die oben erwähnte Flugasche allerwärmstens als Beispiel grosser und zudem eindringlicher und reflekrierender Literatur empfehlen. Bücher ähnlichen Kalibers finden Sie in den vergangenen zehn Jahren nur selten.
Josefa Nadler ist Journalistin und soll eine Reportage über Bitterfeld, eine der wichtigsten Industriestädte der DDR, schreiben. Da waren die Arbeitsverhältnisse und Umweltsünden so gross, dass sogar der Tatort vor wenigen Wochen einen Sonntagsabendkrimi daraus produzieren konnte. Nadler ist erschüttert und weiss nicht, wie sie die Reportage schreiben soll, denn die Zensur wacht über alles. Das Problem: Was geschieht eigentlich, wenn man sich zu fragen beginnt, ob eine Aussage noch vertretbar ist? Dann, so lässt Maron ihre Protagonistin sagen, ist der Weg nicht mehr weit, um über eine Sache gar nicht mehr weiter nachzudenken. Als zweiter Handlungsstrang schildert die Autorin den Alltag ihrer Protagonistin, und wie! Maron geht dabei den Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten ihrer Protagonisten derart differenziert und sensibel nach, dass sie mühelos noch innerhalb unseres eigenen Erfahrungshorizontes liegen. Ein Roman, der ohne jegliche Theorie überzeugend zeigt, dass ein Leben aufrechten Ganges, wo auch  immer und zu jeder Zeit, nicht immer einfach ist. Und dennoch, Monika Maron lässt die Leserin, den Leser nicht im Regen stehen. Wer akzeptieren kann, dass das Leben nicht einfach sein muss, wird auch Glücksmomente erfahren.
Monika Maron: Flugasche, Fischer TB,  Fr. 20.50

Tipp 8 Wir bleiben in Amerika und ziehen etwas südwärts: Big Sur heisst da, gut 120 Meilen südlich von San Francisco, seit Jahrzehnten ein  Sehnsuchtsort zwischen Carmel und Ragged Point, eine rund hundert Kilometer lange Steilküste die nach Osten hin von den Santa Lucia Mountains begrent wird. Jens Rosteck ist promovierter Musikwissenschaftler und Kulturgeschichtler und, wie sein neustes Buch eindrücklich zeigt, auch ein essayistischer Erzähler. Sein Buch über die berühmte Steilküste in Kalifornien beschreibt einerseits Natur und Fauna, dann auch die Geschichte, auch jene der California State Route 1; sein Augenmerk richtet sich allerdings auf eine Handvoll Literaten und Musiker, die sich zu mindest zeitweilig in hierher zurückgezogen haben. John Steinbeck mit seiner Erzählung Flucht zum Beispiel, dann natürlich auch Henry Miller Big Sur oder die Orangen des Hieronymus Bosch oder Jack Kerouac oder die Folkmusikerin Joan Baez. Diese biografischen Essays entwicklen einen verführerischen Sog: Nicht nur möchte man gleich nach Big Sur verreisen, nein, man möchte auch die Bücher lesen, die dort entstanden sind. Ein elegant geschriebenes, erhellendes Buch, das einen Hauch von utopischer, natürlicher Lebensweise aufkommen lässt.
Jens Rosteck: Big Sur. Geschichte einer unbezähmbaren Küste, Mare Verlag, Fr. 30.–

Tipp 7 Margaret Atwood, Michael Ondaatje, Annie Proulx oder Jocelyne Saucier zählen bei uns zu den Berühmtesten der kanadischen Literaturszene.
Vorstellen möchte ich jedoch zwei Titel, wobei der eine nur noch antiquarisch erhältlich, ein Schicksal, das auch nach wenigen Jahren dem anderen drohen könnte. Volkswagen Blues von Jacques Poulin erschien schon 1984 in Québec mit demselben Titel in französisch. Zur dann doch noch verschobenen Frankfurter Buchmesse legte der Hanser Verlag  letzten Herbst erstmals eine deutsche Übersetzung auf. Es ist das erfolgreichste Buch des 1937 geborenen Francokanadiers. Jack Waterman ist ein schon älterer Schriftsteller mit einer Schreibblockade. Um darauszufinden, packt es seinen alten VW-Bus T1 und macht sich auf die Suche nach seinem schon seit Jahren verschwundenen Bruder Théo, dessen letzte Spur in den Osten Québecs führt. Dort trifft Jack zufällig auf eine junge Autostopperin: die Halb-Innu Pitsémine, die mit ihrer Katze ohne bestimmtes Ziel unterwegs ist.  Jack nennt sie schon bald  Grosse Heuschrecke, da sie so lange schlanke Beine hat. Die Grosse Heuschrecke ist ziemlich lesewütig, was dem etwas unbeholfenen Jack auf der Suche nach seinem Bruder nicht ungelegen kommt. Unterwegs liest sie Jack immer wieder etwas aus ihren Büchern vor, zum Beispiel auch einige Texte von Gabrielle Roy – da machte es bei mir klick und ich befand mich wie in einer Zeitmaschine zurückversetzt in meine Lehrzeit als Buchhändler in die frühen siebziger Jahre. Die Strasse nach Altamont, bei Manesse 1970 erschienen, der ebenfalls französischsprachigen Kanadierin war bei uns in der damaligen katholischen Buchhandlung „Die Klause“ ein veritabler Geheimtipp. Roy (1909-1983) gilt in Kanada als eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts, in Deutsch ist allerdings keines ihrer Bücher mehr lieferbar. Doch das Buch leuchtet noch immer wie das ferne Schimmern eines schon längst erloschenen Sternes. Nun aber zurück zu Poulin: Der Weg der beiden so unterschiedlichen Protagonisten führt bis San Francisco in Lawrence Ferlinghettis legendären „City Lights Bookstore“.  Und nochmals versetzte mich der Volkswagen Blues in die Zeitmaschine: Dort hatte ich mir vor 38 Jahren John Fantes Ask the Dusk erstanden. Das äusserst unterhaltsame Buch, das auch viel Humor und Witz hat, ist ein grosses Buch über Freundschaft und Vergänglichkeit – und damit auch in einer Wahlverwandtschaft verbunden mit Gabrielle Roy.
Jacques Poulin: Volkswagen Blues, Hanser Verlag, Fr. 30.90
Gabrielle Roy: Die Strasse nach Altamont, Manesse, nur noch antiquarisch erhältlich
John Fante: Arturo Bandini (Triologie mit Ask the Dust), übersetzt von Alex Capus, Aufbau Verlag, Fr. 33.–

Tipp 6 Tolkien und Harry Potter machen es Fantasynachfolgern nicht ganz einfach. Die Amerikanerin Katharine Applegate zählt zu den produktivsten Autorinnen. die sich auf Fantasy- oder Science-Fiction-Serien für Jugendliche spezialisiert hat. Ihre Sci-Fi-Reihe Animorphs zählt z.B. mittlerweile schon gut fünfzig Bände. Mit Endlinge ist ihr wieder ein spannender Wurf gelungen. Es ist ein gut geschriebene Fantasyroman, der in einem Reich namens Nedarra spielt. Sechs Stämme bevölkerten einst das Reich. Doch inzwischen herrscht der tyrranische Murdano, dessen Soldaten die ursprünglichen Bewohner grausam ermordeten. Einzig das Dalkinmädchen Byx überlebt und ist die Letzte ihrer Art: ein Endling. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Einer Legende nach sollen nämlich im hohen Norden noch einige Dalkins leben. Und Byx macht sich auf den gefahrvollen Weg, wobei sie bald Gesellschaft bekommt: Tobble, ein kleiner Wobbyk; die Schwertkämperin Khara, die Riesenkatze Gambler sowie der Dieb Renzo. Bys hilft dabei, dass sie als Dalkin Lüge von Wahrheit unterscheiden kann. Das Buch erinnert einen ein wenig an Der Herr der Ringe und ist für Jugendliche ab 13/14 Jahren bestes Lesefutter.
Kaherine Applegate: Endling 1 – Die Suche beginnt, dtv/Hanser, Fr. 22.90 und Endling 2 – Weggefährten und Freunde, dtv/Hanser, Fr. 22.90

Tipp 5 Ohne gütige Hilfe des Internets wird wohl eine Mehrheit kaum zwei Dutzend Schweizer AutorInnen ohne grosses Nachdenken aufzählen können. Das ist kein Makel. Sicher ist hingegen, dass von den paar Hundert unbekannter Schweizer AutorInnen kaum eine oder einer über den engen lokalen Hintergrund hinaus bekannt ist. Das ist in einigen  Fällen bedauerlich.
Zwei gottlos schöne FüchsleinIm heute in Wädenswil beheimateten Verlag pudelundpinscher sind seit der Verlagsgründung 2006 rund zwei Dutzend Bücher erschienen, unter ihnen auch eines von Dieter Zwicky, der 2017 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde.
Im Verlag erschienen sind aber auch zwei Bücher des Verlegerpaares Beatrice Maritz und Andreas Grosz. Die beiden lebten zwischen 2000 und 2010 im Urner Schächental, von wo man über den Klausenpass in den Kanton Glarus gelangt. Andreas Grosz veröffentlichte über diese Zeit zwei Bände mit dem ausnehmend schönen Titel: „Zwei gottlos schöne Füchslein„. Dieser hatte es mir angetan und ich wagte die Lektüre ins Ungewisse. Mit Genuss und Erkenntnis. Grosz versucht mit diesen beiden Bänden etwas Ungewohntes, was der Untertitel schön zum Ausdruck bringt: „Schächentaler Jahre 2000 bis 2010. Teil 1: April-September; Teil 2: Oktober bis März.“ Andreas Grosz könnte man als verkappten Chronist bezeichnen. Er kondensiert seine Erfahrugen, Beobachtungen oder Erlebnisse aus diesen zehn Jahren  und feilt so an ihnen, dass sie weit über Tagebuchaufzeichnungen hinausgehen. Andreas Grosz wagt dabei viel und es gelingt ihm Aussergewöhnliches: Die Texte, nach Monaten geordnet, erzählen in blitzlichtartig aufgehellten kurzen Passagen von Tageseindrücken oder Wahrnehmungen, die zugleich immer auch wieder reflektiert werden . Und auch wenn man sich für das Alltagsleben von zwei Aussteigern im Schächental wenig interessiert, sieht man sich nach wenigen Seiten schon in eine andere Welt hineinversetzt. Ein Kleinod aus der Provinz.
Andreas Grosz: Zwei gottlos schöne Füchslein Bd. 1 und 2; je Fr. 32.–

 Tipp 4 Tanja Grandits führt seit 2008  das Zwei-Sterne-Michelin Restaurant Stucki, früher Bruderholz, in Basel. Hans Stucki, erster Michelin-2** gekrönter Vorgänger von Grandits und legendärer Gastronom und Eigentümer des Bruderholz‘ war jeweils am Weihnachtsessen der Freivogel-Familie beim Grossvater im Basellandschaftlichen Gelterkinden vor mehr als vierzig Jahren ein gesetztes Thema. Wer nun ist der König  der Gourmetküche: André Jäger von der Fischerzunft in Schaffhausen oder Stucki in Basel? Onkel Ernst und mein Vater nahmen das Thema in lockerem Streitgespräch auf. Tempi passati.
Tanja Grandits‘ neues Rezeptebuch erwähnt nur in einem kleinen Satz ihre Referenz auf ihr ausgezeichnetes Restaurant. Sie widmet ihr neues Buch Tanja Vegetarisch ihrer Tochter Emma, weil gutes Essen viel zum Lebensglück beitragen könne: „Gutes Essen ermöglicht es einem letztlich, gut zu denken, gute Ideen zu haben und richtig zu handeln“.
Grandits Alltagsrezepte sind natürlich dennoch keine Rezepte für den Hausmann oder die Hausfrau im Alltag. Dazu sind sie zeitlich zu aufwendig.  Für noch im Arbeitsprozess stehende Menschen ist ihr neues Kochbuch allerdings genial für Einladungen am Sonntag:  Es lädt ein zu einem wohl überlegten Einkauf der Lebensmittel und Zutaten und fordert einen auch, sich danach Zeit zu nehmen, um eine ausserordentliche, leckere Mahlzeit – immer ohne Fleisch – zuzubereiten.  Ein Kochbuch mit vegetarischen Rezepten, mit denen Sie auch noch nach Jahren in der Familie oder bei Ihren Gästen punkten können. Än Guete!
Tanja Grandits: Tanja Vegetarisch; AT Verlag, Fr. 39.90

Tipp 3 Christian Schmid stellte schon in seinem letzten Buch „Häbed nech am Huet“ unmissverständlich fest, dass es eine beschleunigte Tendenz gibt, dass Sprachen verschwinden. Der Duden Verlag des Bibliografischen Instituts veröffentlichte dazu im vergangenen Jahr ein bemerkenswertes Buch: „Atlas der verlorenen Sprachen„. Das was nach staubtrockenem, wissenschaftlichem Sachbuch tönt, läst schon beim ersten Aufblättern erahnen, dass die Autorin Rita Mielke und die Illustratorin Hanna Zeckau anderes im Sinn haben: Sie möchten im besten Sinne „prodesse et delectare“ wie der Römer Horaz es sich von der Literatur wünschte. Ein Buch soll nach Möglichkeit erfreuen oder belehren oder gar beides. Letzteres gelingt den beiden Autorinnen bestens. Nach Kontinenten geordnet versammelt das Buch Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind – in Europa z.B. Piktisch aus Schottland oder das nur noch von ca. 1500-2500 SprecherInnen Saterfriesisch. Zu den rund vier Dutzend vorgestellten bedrohten oder ausgestorbenen Sprachen weltweit, erfahren Sie dabei etwas über die Kultur und Geschichte des Landes, über Kolonialisation und natürlich auch über die Sprachfähigkeit eines Volkes generell. So hinterliessen zum Beispiel die Yamana in Feuerland zwar kein Alphabet und keine schriftliche Kultur, doch ihr Wortschatz war gemäss ihrem Spracherforscher und Missionars Thomas Bridges weitaus reichhaltiger als viele zivilisierte Sprachen, so kannten sie für die Frau mindestens drei Begriffe: kipa für Frau allgemein; kwinan für eine vor Kurzem verwitwete Frau, die einen neuen Partner hat, oder, hingun für eine „ernste, fefühlvolle und treue Frau“. Das Buch liest sich einfach und kann durchaus neben allen Informationen zur Sprache auch als etwas tiefer gründender Reiseführer verwendet werden.

Tipp 2 Es gibt verschiedene Wege. sich einem Thema anzunähern und dieses auch publizistisch aufzubereiten: als Roman, als Sachbuch, als Infografik, die Zusammenhänge aufzeigen oder dann auch als Fotobildband. Diesem vertraute ich bis vor Kurzem zuletzt als zuverlässiges Informationsvehikel. Bis ich auf den sensationellen Bildband von George Steinmetz gestossen bin. Steinmetz, 1957 in Kalifornien geboren, studierte Geophysik, bevor er sich seinem lang gehegtem Traum als Fotograf verschrieb. Und: Seine Bilder sollten vor allem Luftaufnahmen sein. Anders aber als der legendäre Schweizer Pionier der Luftfotografie, Georg Gerster, der in erster Linie Luftaufnahmen als neue ästhetische Dimension sah,  sieht der Amerikaner  seine fotografischen Arbeiten als solche, die den Wandel der Erdoberfläche in direkten Zusammenhang mit dem Auftauchen des Homo sapiens sieht. Schon vor langer Zeit wirkte der Mensch auf die Natur ein, mit dem rasanten wirtschaftlichen Fortschritt setzte aber eine Zerstörung von natürlichen Lebenswelten ein, die man kaum glauben mag, wenn man es nicht sieht.  Steinmetz gelingt mit seinen Luftaufnahmen eine Dokumentation, die Andres Revkin mit informativen, knappen Texten zu den Bildern vertieft. In einer für mich noch nie gesehenen Art legen die beiden einen Fotoband vor, der nicht nur visuell und ästhetisch fasziniert,  sondern einen dringlich anregt, sich über ökologische, wirtschaftliche und politische die Fragen zu stellen, die für die Zukunft des „Human Planet“ zentral sind. Ein Hammerbuch.
George Steinmetz/Andres Rivkin: Human Planet; Knesebeck Verlag, Fr. 61.–-

Tipp 1: Meinen ersten Buchtipp dieses zweiten Lockdowns möchte ich einem amerikanischen Klassiker der Moderne widmen: William Carlos Williams. Der Autor wurde 1883 in Rutherford, New Jersey, geboren, und praktizierte in seiner Heimatstadt von 1910 – 1951 als Kinderarzt und Gynäkologe. Williams starb 1963. Er gilt neben Ezra Pound und T.S. Eliot zu den bedeutendsten US-amerikanischen Lyrikern. Zwischen 1987 und 1998 erschien im Hanser Verlag eine Werkausgabe in sieben Bänden, fünf von ihnen sind immer noch greifbar. Von den Prosabänden anempfehle ich Ihnen wärmstens „Die Messer der Zeit“, ein Band mit Erzählungen, die zwischen 1932 – 1950 erschienen sind. Ausgehend von meistens lokalen Ereignissen entsteht für uns ein literarisches Kunstwerk, das die Charaktere plastisch und lebendig werden lässt, wobei sie trotzdem jegliches behäbige oder kitschige Lokalkolorit weit hinter sich lassen. Die Geschichten, die in den USA handeln, lassen uns zudem noch heute mühelos nachvollziehen, wie die Landnahme der weissen Siedler Mentalität und Kultur der Nachfahren geprägt hat – Williams verzichtet dabei auf eine Wertung. In seinen Erzählungen wird einem nur klar, dass Kunstsinn und historisches Kulturbewusstsein für viele weisse US-Amerikaner bestenfalls angelerntes Wissen ist. Trodzdem: Die Geschichten sind in ihrer menschlichen Dimension zeitlos und und ihre Protagonisten tappen durch ihr Leben, das so unvorhersehbar ist, wie das von uns. Eine Lektüre, die im Gedächtnis bleiben wird.
Williams, William Carlos: Die Messer der Zeit, Hanser Verlag, Fr. 28.90

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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