Lockdown 2_Lektüretipps

Unsere täglichen Lektüretipps für
die Zeit des zweiten Lockdowns

Tag 8 Wir bleiben in Amerika und ziehen etwas südwärts: Big Sur heisst da, gut 120 Meilen südlich von San Francisco, seit Jahrzehnten ein  Sehnsuchtsort zwischen Carmel und Ragged Point, eine rund hundert Kilometer lange Steilküste die nach Osten hin von den Santa Lucia Mountains begrent wird. Jens Rosteck ist promovierter Musikwissenschaftler und Kulturgeschichtler und, wie sein neustes Buch eindrücklich zeigt, auch ein essayistischer Erzähler. Sein Buch über die berühmte Steilküste in Kalifornien beschreibt einerseits Natur und Fauna, dann auch die Geschichte, auch jene der California State Route 1; sein Augenmerk richtet sich allerdings auf eine Handvoll Literaten und Musiker, die sich zu mindest zeitweilig in hierher zurückgezogen haben. John Steinbeck mit seiner Erzählung Flucht zum Beispiel, dann natürlich auch Henry Miller Big Sur oder die Orangen des Hieronymus Bosch oder Jack Kerouac oder die Folkmusikerin Joan Baez. Diese biografischen Essays entwicklen einen verführerischen Sog: Nicht nur möchte man gleich nach Big Sur verreisen, nein, man möchte auch die Bücher lesen, die dort entstanden sind. Ein elegant geschriebenes, erhellendes Buch, das einen Hauch von utopischer, natürlicher Lebensweise aufkommen lässt.
Jens Rosteck: Big Sur. Geschichte einer unbezähmbaren Küste, Mare Verlag, Fr. 30.–

Tag 7 Margaret Atwood, Michael Ondaatje, Annie Proulx oder Jocelyne Saucier zählen bei uns zu den Berühmtesten der kanadischen Literaturszene.
Vorstellen möchte ich jedoch zwei Titel, wobei der eine nur noch antiquarisch erhältlich, ein Schicksal, das auch nach wenigen Jahren dem anderen drohen könnte. Volkswagen Blues von Jacques Poulin erschien schon 1984 in Québec mit demselben Titel in französisch. Zur dann doch noch verschobenen Frankfurter Buchmesse legte der Hanser Verlag  letzten Herbst erstmals eine deutsche Übersetzung auf. Es ist das erfolgreichste Buch des 1937 geborenen Francokanadiers. Jack Waterman ist ein schon älterer Schriftsteller mit einer Schreibblockade. Um darauszufinden, packt es seinen alten VW-Bus T1 und macht sich auf die Suche nach seinem schon seit Jahren verschwundenen Bruder Théo, dessen letzte Spur in den Osten Québecs führt. Dort trifft Jack zufällig auf eine junge Autostopperin: die Halb-Innu Pitsémine, die mit ihrer Katze ohne bestimmtes Ziel unterwegs ist.  Jack nennt sie schon bald  Grosse Heuschrecke, da sie so lange schlanke Beine hat. Die Grosse Heuschrecke ist ziemlich lesewütig, was dem etwas unbeholfenen Jack auf der Suche nach seinem Bruder nicht ungelegen kommt. Unterwegs liest sie Jack immer wieder etwas aus ihren Büchern vor, zum Beispiel auch einige Texte von Gabrielle Roy – da machte es bei mir klick und ich befand mich wie in einer Zeitmaschine zurückversetzt in meine Lehrzeit als Buchhändler in die frühen siebziger Jahre. Die Strasse nach Altamont, bei Manesse 1970 erschienen, der ebenfalls französischsprachigen Kanadierin war bei uns in der damaligen katholischen Buchhandlung „Die Klause“ ein veritabler Geheimtipp. Roy (1909-1983) gilt in Kanada als eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts, in Deutsch ist allerdings keines ihrer Bücher mehr lieferbar. Doch das Buch leuchtet noch immer wie das ferne Schimmern eines schon längst erloschenen Sternes. Nun aber zurück zu Poulin: Der Weg der beiden so unterschiedlichen Protagonisten führt bis San Francisco in Lawrence Ferlinghettis legendären „City Lights Bookstore“.  Und nochmals versetzte mich der Volkswagen Blues in die Zeitmaschine: Dort hatte ich mir vor 38 Jahren John Fantes Ask the Dusk erstanden. Das äusserst unterhaltsame Buch, das auch viel Humor und Witz hat, ist ein grosses Buch über Freundschaft und Vergänglichkeit – und damit auch in einer Wahlverwandtschaft verbunden mit Gabrielle Roy.

Tag 6 Tolkien und Harry Potter machen es Fantasynachfolgern nicht ganz einfach. Die Amerikanerin Katharine Applegate zählt zu den produktivsten Autorinnen. die sich auf Fantasy- oder Science-Fiction-Serien für Jugendliche spezialisiert hat. Ihre Sci-Fi-Reihe Animorphs zählt z.B. mittlerweile schon gut fünfzig Bände. Mit Endlinge ist ihr wieder ein spannender Wurf gelungen. Es ist ein gut geschriebene Fantasyroman, der in einem Reich namens Nedarra spielt. Sechs Stämme bevölkerten einst das Reich. Doch inzwischen herrscht der tyrranische Murdano, dessen Soldaten die ursprünglichen Bewohner grausam ermordeten. Einzig das Dalkinmädchen Byx überlebt und ist die Letzte ihrer Art: ein Endling. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Einer Legende nach sollen nämlich im hohen Norden noch einige Dalkins leben. Und Byx macht sich auf den gefahrvollen Weg, wobei sie bald Gesellschaft bekommt: Tobble, ein kleiner Wobbyk; die Schwertkämperin Khara, die Riesenkatze Gambler sowie der Dieb Renzo. Bys hilft dabei, dass sie als Dalkin Lüge von Wahrheit unterscheiden kann. Das Buch erinnert einen ein wenig an Der Herr der Ringe und ist für Jugendliche ab 13/14 Jahren bestes Lesefutter.
Kaherine Applegate: Endling 1 – Die Suche beginnt, dtv/Hanser, Fr. 22.90 und Endling 2 – Weggefährten und Freunde, dtv/Hanser, Fr. 22.90

Tag 5 Ohne gütige Hilfe des Internets wird wohl eine Mehrheit kaum zwei Dutzend Schweizer AutorInnen ohne grosses Nachdenken aufzählen können. Das ist kein Makel. Sicher ist hingegen, dass von den paar Hundert unbekannter Schweizer AutorInnen kaum eine oder einer über den engen lokalen Hintergrund hinaus bekannt ist. Das ist in einigen  Fällen bedauerlich.
Zwei gottlos schöne FüchsleinIm heute in Wädenswil beheimateten Verlag pudelundpinscher sind seit der Verlagsgründung 2006 rund zwei Dutzend Bücher erschienen, unter ihnen auch eines von Dieter Zwicky, der 2017 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde.
Im Verlag erschienen sind aber auch zwei Bücher des Verlegerpaares Beatrice Maritz und Andreas Grosz. Die beiden lebten zwischen 2000 und 2010 im Urner Schächental, von wo man über den Klausenpass in den Kanton Glarus gelangt. Andreas Grosz veröffentlichte über diese Zeit zwei Bände mit dem ausnehmend schönen Titel: „Zwei gottlos schöne Füchslein„. Dieser hatte es mir angetan und ich wagte die Lektüre ins Ungewisse. Mit Genuss und Erkenntnis. Grosz versucht mit diesen beiden Bänden etwas Ungewohntes, was der Untertitel schön zum Ausdruck bringt: „Schächentaler Jahre 2000 bis 2010. Teil 1: April-September; Teil 2: Oktober bis März.“ Andreas Grosz könnte man als verkappten Chronist bezeichnen. Er kondensiert seine Erfahrugen, Beobachtungen oder Erlebnisse aus diesen zehn Jahren  und feilt so an ihnen, dass sie weit über Tagebuchaufzeichnungen hinausgehen. Andreas Grosz wagt dabei viel und es gelingt ihm Aussergewöhnliches: Die Texte, nach Monaten geordnet, erzählen in blitzlichtartig aufgehellten kurzen Passagen von Tageseindrücken oder Wahrnehmungen, die zugleich immer auch wieder reflektiert werden . Und auch wenn man sich für das Alltagsleben von zwei Aussteigern im Schächental wenig interessiert, sieht man sich nach wenigen Seiten schon in eine andere Welt hineinversetzt. Ein Kleinod aus der Provinz.
Andreas Grosz: Zwei gottlos schöne Füchslein Bd. 1 und 2; je Fr. 32.–

 Tag 4 Tanja Grandits führt seit 2008  das Zwei-Sterne-Michelin Restaurant Stucki, früher Bruderholz, in Basel. Hans Stucki, erster Michelin-2** gekrönter Vorgänger von Grandits und legendärer Gastronom und Eigentümer des Bruderholz‘ war jeweils am Weihnachtsessen der Freivogel-Familie beim Grossvater im Basellandschaftlichen Gelterkinden vor mehr als vierzig Jahren ein gesetztes Thema. Wer nun ist der König  der Gourmetküche: André Jäger von der Fischerzunft in Schaffhausen oder Stucki in Basel? Onkel Ernst und mein Vater nahmen das Thema in lockerem Streitgespräch auf. Tempi passati.
Tanja Grandits‘ neues Rezeptebuch erwähnt nur in einem kleinen Satz ihre Referenz auf ihr ausgezeichnetes Restaurant. Sie widmet ihr neues Buch Tanja Vegetarisch ihrer Tochter Emma, weil gutes Essen viel zum Lebensglück beitragen könne: „Gutes Essen ermöglicht es einem letztlich, gut zu denken, gute Ideen zu haben und richtig zu handeln“.
Grandits Alltagsrezepte sind natürlich dennoch keine Rezepte für den Hausmann oder die Hausfrau im Alltag. Dazu sind sie zeitlich zu aufwendig.  Für noch im Arbeitsprozess stehende Menschen ist ihr neues Kochbuch allerdings genial für Einladungen am Sonntag:  Es lädt ein zu einem wohl überlegten Einkauf der Lebensmittel und Zutaten und fordert einen auch, sich danach Zeit zu nehmen, um eine ausserordentliche, leckere Mahlzeit – immer ohne Fleisch – zuzubereiten.  Ein Kochbuch mit vegetarischen Rezepten, mit denen Sie auch noch nach Jahren in der Familie oder bei Ihren Gästen punkten können. Än Guete!
Tanja Grandits: Tanja Vegetarisch; AT Verlag, Fr. 39.90

Tag 3 Christian Schmid stellte schon in seinem letzten Buch „Häbed nech am Huet“ unmissverständlich fest, dass es eine beschleunigte Tendenz gibt, dass Sprachen verschwinden. Der Duden Verlag des Bibliografischen Instituts veröffentlichte dazu im vergangenen Jahr ein bemerkenswertes Buch: „Atlas der verlorenen Sprachen„. Das was nach staubtrockenem, wissenschaftlichem Sachbuch tönt, läst schon beim ersten Aufblättern erahnen, dass die Autorin Rita Mielke und die Illustratorin Hanna Zeckau anderes im Sinn haben: Sie möchten im besten Sinne „prodesse et delectare“ wie der Römer Horaz es sich von der Literatur wünschte. Ein Buch soll nach Möglichkeit erfreuen oder belehren oder gar beides. Letzteres gelingt den beiden Autorinnen bestens. Nach Kontinenten geordnet versammelt das Buch Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind – in Europa z.B. Piktisch aus Schottland oder das nur noch von ca. 1500-2500 SprecherInnen Saterfriesisch. Zu den rund vier Dutzend vorgestellten bedrohten oder ausgestorbenen Sprachen weltweit, erfahren Sie dabei etwas über die Kultur und Geschichte des Landes, über Kolonialisation und natürlich auch über die Sprachfähigkeit eines Volkes generell. So hinterliessen zum Beispiel die Yamana in Feuerland zwar kein Alphabet und keine schriftliche Kultur, doch ihr Wortschatz war gemäss ihrem Spracherforscher und Missionars Thomas Bridges weitaus reichhaltiger als viele zivilisierte Sprachen, so kannten sie für die Frau mindestens drei Begriffe: kipa für Frau allgemein; kwinan für eine vor Kurzem verwitwete Frau, die einen neuen Partner hat, oder, hingun für eine „ernste, fefühlvolle und treue Frau“. Das Buch liest sich einfach und kann durchaus neben allen Informationen zur Sprache auch als etwas tiefer gründender Reiseführer verwendet werden.

Tag 2 Es gibt verschiedene Wege. sich einem Thema anzunähern und dieses auch publizistisch aufzubereiten: als Roman, als Sachbuch, als Infografik, die Zusammenhänge aufzeigen oder dann auch als Fotobildband. Diesem vertraute ich bis vor Kurzem zuletzt als zuverlässiges Informationsvehikel. Bis ich auf den sensationellen Bildband von George Steinmetz gestossen bin. Steinmetz, 1957 in Kalifornien geboren, studierte Geophysik, bevor er sich seinem lang gehegtem Traum als Fotograf verschrieb. Und: Seine Bilder sollten vor allem Luftaufnahmen sein. Anders aber als der legendäre Schweizer Pionier der Luftfotografie, Georg Gerster, der in erster Linie Luftaufnahmen als neue ästhetische Dimension sah,  sieht der Amerikaner  seine fotografischen Arbeiten als solche, die den Wandel der Erdoberfläche in direkten Zusammenhang mit dem Auftauchen des Homo sapiens sieht. Schon vor langer Zeit wirkte der Mensch auf die Natur ein, mit dem rasanten wirtschaftlichen Fortschritt setzte aber eine Zerstörung von natürlichen Lebenswelten ein, die man kaum glauben mag, wenn man es nicht sieht.  Steinmetz gelingt mit seinen Luftaufnahmen eine Dokumentation, die Andres Revkin mit informativen, knappen Texten zu den Bildern vertieft. In einer für mich noch nie gesehenen Art legen die beiden einen Fotoband vor, der nicht nur visuell und ästhetisch fasziniert,  sondern einen dringlich anregt, sich über ökologische, wirtschaftliche und politische die Fragen zu stellen, die für die Zukunft des „Human Planet“ zentral sind. Ein Hammerbuch.
George Steinmetz/Andres Rivkin: Human Planet; Knesebeck Verlag, Fr. 61.–-

Tag 1: Meinen ersten Buchtipp dieses zweiten Lockdowns möchte ich einem amerikanischen Klassiker der Moderne widmen: William Carlos Williams. Der Autor wurde 1883 in Rutherford, New Jersey, geboren, und praktizierte in seiner Heimatstadt von 1910 – 1951 als Kinderarzt und Gynäkologe. Williams starb 1963. Er gilt neben Ezra Pound und T.S. Eliot zu den bedeutendsten US-amerikanischen Lyrikern. Zwischen 1987 und 1998 erschien im Hanser Verlag eine Werkausgabe in sieben Bänden, fünf von ihnen sind immer noch greifbar. Von den Prosabänden anempfehle ich Ihnen wärmstens „Die Messer der Zeit“, ein Band mit Erzählungen, die zwischen 1932 – 1950 erschienen sind. Ausgehend von meistens lokalen Ereignissen entsteht für uns ein literarisches Kunstwerk, das die Charaktere plastisch und lebendig werden lässt, wobei sie trotzdem jegliches behäbige oder kitschige Lokalkolorit weit hinter sich lassen. Die Geschichten, die in den USA handeln, lassen uns zudem noch heute mühelos nachvollziehen, wie die Landnahme der weissen Siedler Mentalität und Kultur der Nachfahren geprägt hat – Williams verzichtet dabei auf eine Wertung. In seinen Erzählungen wird einem nur klar, dass Kunstsinn und historisches Kulturbewusstsein für viele weisse US-Amerikaner bestenfalls angelerntes Wissen ist. Trodzdem: Die Geschichten sind in ihrer menschlichen Dimension zeitlos und und ihre Protagonisten tappen durch ihr Leben, das so unvorhersehbar ist, wie das von uns. Eine Lektüre, die im Gedächtnis bleiben wird.
Williams, William Carlos: Die Messer der Zeit, Hanser Verlag, Fr. 28.90

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihre unabhängige Buchhandlung

Scroll Up