Leseempfehlungen

Prodesse et delectare

Belehren und erfreuen. Der Wahlspruch für das, was Literatur zu leisten habe, geht auf Horaz zurück und fand in der Aufklärung Beachtung und Anklang. In den literarischen Salons des 18. Jahrhunderts wurden Bücher daraufhin begutachtet, kritisiert oder gelobt.
Sie finden nachfolgend in lockerer Reihenfolge Lektüreempfehlungen, die einmal mehr oder einmal weniger Horaz‘ Diktum als Vorbild nehmen.

3 – Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, wurde gestern mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.  Wie immer sind diese Texte noch unveröffentlicht. Im Buchhandel ist die Autorin weitgehend nicht mehr bekannt und im aktuellen Literaturzirkus spielt sie nicht einmal eine Statistenrolle.
Im Bücher-Fass fand ich am Samstag – nicht im Antiquariat – ihren einstmals in der Sammlung Luchterhand erschienenen Band „Das verbotene Zimmer“.  36 Jahre lang stand das Bändchen unbeachtet schön im Alphabet eingeordnet. Die hinten im Band beigegebene Buchlaufkarte, noch mit der mechanischen Schreibmaschine getippt, belegt, dass wir das Taschenbuch mit Remissionsrecht eingekauft haben, dass es kurz darauf wohl eine Käuferin gefunden hatte, und dann ein gutes halbes Jahr nochmals eine – und seit September 1984 steht das Buch im Bücher-Fass.
Die knapp zwanzig kurzen Geschichten überzeugen heute noch sprachlich und sind inhaltlich ein Fenster, das den Blick freigibt in eine Zeit und eine Gesellschaft, in ein Denken und Empfinden auch, der uns heute zwar fremd ist, der dennoch unmittelbar berührt. Es wäre schön, wenn der preisgekrönte Text, sollte er als Buch auch erscheinen, diese älteren Geschichten mitversammeln würde.
Helga Schubert: Das verbotene Zimmer; 129 S., Sammlung Luchterhand; vergriffen.

2 – Japan und der Tee. Wer heute nach Japan reist, wird sich wahrscheinlich auch für die japanische Teekultur interessieren. Diese findet man heute zwar nur noch selten und wenn, dann entweder als touristischen Spot oder dann auch als hochpreisigen Event. Dennoch spielt der Tee im japanischen Alltag immer noch eine grosse Rolle.
Das Buch vom TeeWer sich kulturell und historisch vor, nach oder nach gar keiner Reise mit diesem speziellen Aspekt der japanischen Kultur auseinandersetzen möchte, dem möchte ich als Einstieg und für den weiteren Weg folgende Titel empfehlen.
Kakuzo Okakuro’s „Das Buch vom Tee“ ist ein japanischer Klassiker – und eigentlich nur ferne im Hintergrund ein Buch zum Tee als Getränk.  Es ist ein schmaler, von Philosophie und Lebensweisheit durchwobener und allgemeinverständlicher Text, der uns Europäern eine andere Sicht auf die Welt und die Kultur nahebringt.
Franziska Ehmcke wandelt in ihrem – leider vergriffenen – Buch „Der japanische Teeweg“ auf wissenschaftlichen Pfaden zum Thema, und geht vor allem Fragen der Ästhetik nach, die dann auch im westlichen Kulturschaffen Anklang gefunden haben.
Das japanische TeehausEine wirkliches Bijoux ist allerdings der Band von Wolfgang Fehrer: „Das japanische Teehaus“. Schon von der Herstellung aus betrachtet, ist das Buch ein Kunstwerk: japanisch gebunden, in Seide geschlagen. Doch wenn der Schein schon überwältigend ist, so ist es das Sein – der Text und die Fotografien – umso mehr.  Inhaltlich erfährt man eigentlich alles, was ein japanisches Teehaus ausmacht. Der Autor informiert uns sowohl über die religiösen und philosophischen Hintergründe als auch über ästhetische Fragen von Raumaufteilung und Architektur; er bleibt dabei aber nicht nur theoretisch, sondern geht auch auf ganz praktische Fragen ein: über das Holz, das für den Bau der Häuser verwendet wurde, oder über die Beschaffenheit der Tatamimatten, etc.  im Weiteren ist der Band ein grandioser Kulturführer für alle, die schon einmal Japan besucht haben oder das Land besuchen möchten.
Kakuzo Okamura: Das Buch vom Tee. Inser Bücherei, Fr. 19.–
Franziska Ehmcke: Der japanische Teeweg, Dumont Tb, vergriffen
Wolfgang Fehrer: Das Japanische Teehaus. 231 S., Niggli Verlag, Fr. 69.–

1 – „So erkennt man ein schlechtes Buch“ – recht forsch titelt der Tages-Anzeiger vom 10. Juni eine Ansicht seines Chefliteraturkritikers Martin Ebel. Es entzieht sich meiner Kenntnis ob die Headline und der Lead von M.E. ist oder nicht. So oder so: Die Ansage ist gewagt und die Antwort winddurchlässig.
Als Buchhändler wird ihn meine Meinung dazu allerdings kaum kitzeln; wir sind, so wie ich einmal persönlich erfahren durfte, nichts  als simple BuchverkäuferInnen.
Sie kennen – und schätzen mich vielleicht auch ein wenig – als einigermassen belesenen und im Urteil eher elitären Buchhändler. Im Literaturclub vom 26. Mai stellte Sarah Spale, Komissarin in „Wilder“ und Hauptdarstellerein in „Paltzspitzbaby“ ihren Tipp vor: „Das Haus der Frauen“ von Laetitia Colombani. Martin Ebel hatte damals wahrscheinlich schon  schriftlich die Abkanzlung des Romans festgehalten, er ging mit der Schauspielerin einfach nur ein wenig moderater um… Auch Raoul Schrott, aus dem Exil im Bregenzerwald zugeschaltet, äusserte sich ähnlich. Was den beiden Männern damals wohl nicht wirklich ganz bewusst war, ist, dass es viele Leserinnen gibt, die das Buch gerne und mit Gewinn gelesen haben. Müssen sich diese jetzt alle etwas schämen, dass sie nicht erkannt haben, dass die Passionsgeschichte und die Läuterungsgeschichte nichts anderes als ein billiger Trick ist, um eben genau sie als Käuferschicht zu verführen; und müssen sie sich jetzt schämen, weil sie sich über die abgelutschten Metaphern nicht ärgerten?
Soll und Haben. RomanNein, diese Leserinnen liegen mit ihrem Urteil genauso richtig wie Martin Ebel mit seinem;  das Buch zeigt auf einer jenseits der Literaturkritik liegenden Seite trotz allen Einwänden eine gesellschaftskritische Komponente auf: Nur auf den persönlichen, individuellen Vorteil auszugehen, bringt nicht immer auch Glück im Leben. Die beiden Protagonistinnen des Romans finden  Ruhe und Zufriedenheit in ihrer Arbeit für ein gemeinnütziges Projekt. Gewiss, das tönt trivial und mag auch in den seichten Gewässern des Kitsches dümpeln, vor allem auch, weil ihre Motivation eher emotional als intellektuell begründet ist. Allein: Ist es deswegen falsch?
Martin Ebels Kritik weist jedoch glasklar auf einen wunden Punkt,  an dem das Konzept des Literaturclubs krankt. Anders als die Bildende Kunst oder die Musik ist die Literatur in den Augen der meisten ein Jekami. Dabei ist Lesen diejenige kulturelle Fähigkeit, die dem Menschen die meiste Zeit und die höchste Anstrengung abverlangt. Oder anders gesagt: Unsere Lebenszeit ist so knapp bemessen, dass man selbst Literatur, die als künstlerisches Schaffen über den Tag hinaus wertvoll ist, kaum zu bewältigen vermag. Es wäre schön, wenn der Literaturclub sich zukünftig daran erinnern würde.
Hans-Dieter Gelfert war bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2000 Professor für Anglistik. 2004 publizierte der Beck Verlag von ihm „Was ist gute Literatur? Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet.“ Analytisch, vorsichtig und mit weitem Blick geht Gelfert zuerst der Frage nach, was Kunst ausmacht und was sie auszeichnet; Schritt für Schritt nähert er sich dem Problem an, wie denn eine Wertung entsteht; er fragt danach wer wertet und welches denn die Massstäbe sind, woran gewertet wird. Er geht der Frage nach, ob es objektive Gründe gibt für ein gutes Kunstwerk und wo denn diese, falls vorhanden, sein könnten. Er betont immer auch wieder, dass der Leser, der Betrachter, der Hörer letztlich entscheidet, was ihm gefällt. Hans-Dieter Gelfert zeigt mit seinem Buch eindrücklich, doch ohne Besserwisserei oder gar Sendungsbewusstsein, wie man ohne Aufgeregtheit mit Literatur und Kunst umgehen könnte: Eine hilfreiche, gescheite Orientierungshilfe in einer Zeit, wo wohl zu viele zu wissen glauben,  was zählt.
Wer sich darin schulen möchte, was Literatur auszeichnet, die in die Literturgeschichte eingegangen ist und was eher – jedoch ähnlich spannend zu lesen – dem Zeitgeist gezollte Lektüre ist, der möge sich einmal den Bestseller „Soll und Haben“ von Gustav Freytag aus dem Jahre 1855/56 vornehmen und dann Thomas Mann’s „Buddenbrooks“, 1901 erschienen und 1929 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, lesen. Beide Bücher bearbeiten ein vergleichbaren Thema, Aufstieg und Niedergang einer Familie. Ein Thema übrigens, das auch heute wieder en vogue ist.
Kurz: „Das Haus der Frauen“ ist zwar nicht das Buch, das ich selber kaufen würde, doch es ist ein Buch, von dem ich überzeugt bin, dass es jener oder dieser Leserin nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Das ist doch schon ziemlich viel. Und: Die Erfahrung, die jemand mit einer Lektüre macht, ist nie dieselbe wie die eines/einer anderen.
Hams-Dieter Gelfert: Was ist gute Literatur? C.H. Beck Verlag, 219 S., ISBN 978-3-406-60486-7, Fr. 18.–

 

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