Unser Tagestipp

Unsere Buchtipps in Zeiten des Stillstands

Tag 13 – 29. März 2020. Heute, auf den Tag genau, wurde im Handelsregister das Bücher-Fass Georg Freivogel publiziert. Ein Grund für mich und meine Partnerin Gabriele, die auch im Bücher-Fass tätig ist, trotz Schnee und Covid-19 auf das dreissigjährige Jubiläum anzustossen.
Vergangene Woche erhielten wir neue Bücher aus dem Wagenbach Verlag. Eines davon möchte ich heute kurz vorstellen; es wird nicht das letzte sein. Vor zwölf Jahren ist von Alan Bennett das köstliche, amüsante, hellsichtig-sympathische und erst noch schön gestaltete Bändchen „Die souveräne Leserin“ in Wagenbachs Salto-Reihe erschienen. Bennett lässt da in einer verborgenen Ecke des Windsor Parks  Queen Elizabeth den fahrenden Bibliothekar und mit ihm vor allem auch den Küchenburschen Norman kennen. Über diesen kommt die Queen zur Literatur, zum Nachdenken, zum Handeln. Ein Bijoux von einem Buch, das Freude bereitet.
Nun doppelt Wagenbach nach mit „Der souveräne Leser“. Das Buch des 1934 geborenen Autors, und in England äusserst populären Dramatikers, stellte sein deutscher Verlag aus drei englischen Titeln zusammen. Der Band versammelt Texte zur Literatur, speziell da zu Kafka, aber auch eine kleine Reminiszenz zu John Buchan und seinem James-Bond-Vorgänger Sir Richard Hannay fehlt nicht. Dass dieser, einer meiner Lieblinge der Kitsch- und Abenteuerliteratur sein Fett abkriegt, erstaunt natürlich nicht. Spannend sind auch seine anekdotenhaften Überlegungen zu George Steiner und Isaiah Berlin, die mehr über den Leser aussagen als über die Texte der beiden Intellektuellen. Das schmale Bändchen ist ein Füllhorn von funkelnden Gedanken, leicht und doch überraschend nachhallend.
Alan Bennett: Der souveräne Leser, Wagenbach Verlag, schön in Leinen gebunden, 139 S., ca. Fr. 25.–

Tag 12 aktuelle Sachbücher zu Philosophie, Geschichte, Politik, Kulturwissenschaften oder auch zu naturwissenschaftlichen Themen finden Sie immer im rechten Schaufenster, wenn Sie davor stehen. Diese Bücher verkaufen weir ganz selten stapelweise, so kann es sein, dass Sie ein paar Wochen zuvor ein Buch gesehen haben, das Sie interessiert und das dann plötzlich nicht mehr im Fenster steht. Wahrscheinlich haben Sie jedoch eine Ahnung, um was für ein Thema es sich handelte, oder wie der Autor/die Autorin heisst, dann finden wir den Titel schon wieder.
Das Bücher-Fass hat kein Warenwirtschaftsprogramm, wo einem der Computer zeigt, ob ein Buch an Lager ist oder nicht. Dieser Computer sind wir selbst. Das funktioniert deshalb, weil wir für alle Bücher einen Grund haben, dass es an Lager ist – oder eben nach einem Verkauf auch nicht mehr. Massgebend dazu ist nicht die elektronische Lagerbestandsgeschwindigkeit, sondern, etwas salopp gesagt, mein Bauchgefühl.
Aus aktuellem Anlass sein noch auf das Buch von Laura Spinney hingewiesen: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschadft veränderte. Das Buch zeigt, süffig geschrieben, wie sich die „Influenza“ 1918/19 rasant ausgebreitet hat, mit verheerenden Folgen. Das Buch zeigt aber auch, dass grosse wirtschaftliche Verluste auch wieder wettgemacht werden und gesellschaftliche  Veränderungen bis jetzt nie zu einem finalen Kollaps geführt haben. Allerdings: Man könnte aus Fehlern lernen. Das erzählen ja immer auch unsere Lehrerinnen und Lehrer. Machen wir das.

Tag 11 – Das Wetter zeigt sich frühlingshaft sonnig und mild, genau richtig für ein neues mittleres Schaufenster. Dieses widmen wir in unregelmässigen Abständen all den Themenbereichen, die fürs Bücher-Fass so wichtig sind wie die Belletristik oder das Sachbuch: Reiseführer, Kunst, Kinder- und Bilderbücher, Kochen, Fotobände etc. Der Jahreszeit entsprechend finden Sie nun unsere Lieblingsbilderbücher für Ostern sowie ein paar spezielle Tipps für Gärtnerinnen und Gärtner, die sich mit Permakultur oder der Technik des Hochbeetes bekannt machen möchten.
Besonders aufmerksam möchte ich Sie dabei auf ein neues, kommendes Standarwerk: Die Flora des Kantons Zürich, herausgegeben von der Zürcherischen Botanischen Gesellschaft. Im Gegensatz zur längst etablierten Flora Helvetica, die alle wildwachsenden Pflanzden der Schweiz botanisch beschreibt, nimmt sich das Zürcher Pendant vor, alle 1757 im Kanton ZH vorkommenden wildwachenden Pflanzen zu beschreiben und – einzigartig – für jede Art eine Verbreitungskarte zu geben.
1. Auflage 2020
1128 Seiten Seiten, über 3500 Farbfotos, rund 1760 Verbreitungskarten, 95 Abb., 15 Tab.
gebunden, 15,5 x 22,5 cm, 1946 g
Haupt Verlag, CHF 120

Tag 10 – Jetzt, wo viele von uns zu Hause sind und eigentlich alle nur noch Lebensmittel und Medikamente einkaufen können, fällt das Stöbern nach Lesestoff in der Lieblingsbuchhandlung ins Wasser und die Inspirationen, die einem Algorithmen eingeben möchten, zielen oft daneben, weil sie Wünsche und Bedürfnisse nicht in Echtzeit kennen. Wir stellen immer wieder fest,  dass unsere Schaufenster recht gut beachtet werden, auch wenn wir zugegebenerweise keine Dekorationshirsche sind. Und da ich zuweilen auch etwas überfordert bin, jeden Tag eine Neuerscheinung vorzustellen, finden Sie für die kommenden drei Tage unsere Schaufenster als Inspirationsquelle. Wenn Sie ein Titel anspricht und Sie darüber gerne mehr wissen möchten, sind wir auch telefonisch für Sie da: Dienstag bis Samstag von 10 – 14 Uhr.

Tragen Sie sich weiterhin Sorge und bleiben Sie gesund. Wir freuen uns jetzt schon wieder auf die Zeit, wenn wir im Laden über Bücher schwatzen können.

 

Edward HopperTag 9 – Edward Hopper gilt nicht nur als Ikone der amerikanischen Malerei des 20. Jahrhunderts. Hoppers Bilder sind kaum verwechselbar; was seine Kunst in meinen bescheidenen Augen jedoch darüber hinaus auszeichnet, sind zwei Aspekte: Zum einen sind seine Gemälde exzellent komponiert und nehmen den Betrachter derart in Bann, dass er oder sie intuitiv angesprochen werden: Ein schönes Bild, das gefällt mir. Doch gleich danach bleibt einem dennoch die Sprache weg: Was daran ist denn schön? Die Farbgebung, die Komposition, auch das realistische Abbild eines Lebens oder/und der Natur. Doch sind diese Inhalte denn auch wirklich schön? Hoppers Kunst lebt intensiv aus diesen Gegensätzen, fasziniert einen und lässt einen kaum mehr los. Die grosse Ausstellung in der Fondation Beyeler ist aus bekanntem Grund leider geschlossen, der Katalog begeistert einen jedoch auf Jahre hinaus.
Edward Hopper. Ausstellungskatalog, Verlag Hatje/Cantz, geb., 146 S., Fr. 73.00

 

Fremdheiten und FreundschaftenTag 8Fremdheiten und Freundschaften, ein schöner und verheissungsvoller Titel, der alle Facetten des Lebens trifft und unausgesprochen festhält: Es steht nirgends geschrieben, dass das Leben einfach sei – aber es ist auch ohne Zweifel schön, herausfordernd, spannend. Die beiden titelgebenden Begriffe verhalten sich auf den ersten Blick dichotom, das meint unvereinbar. Die äusserst anregenden Essays der emeritierten Professorin für Erziehungswissenschaften an der TU Berlin, die sich schon vierzig Jahren für die Belange der Frauenrechte und des Feminismus eingesetzt hat, zeigen eindrücklich, dass Nachdenken über das Leben in allen Belangen sich eben nicht darauf fokussiert, eine schwarz-weiss Fotografie zu liefern, sondern Nachdenken immer ziemlich viel offen lässt. Da steckt bei aller

Ein anspruchsvolles Buch, sowohl sprachlich wie gedanklich, doch eines, das die Sinne schärft und einem/einer das Leben darob nicht vergällt.
Christina Thürmer-Rohr: Fremdheiten und Freundschaften. Essays., transcript gender studies, br., 284 S., Fr. 37.50

Tag 7 – Omar, der Zeltmacher, ist in Persien einer der berühmtesten Wissenschafter und Schriftsteller. Wie sein Name vermuten lässt, handelt es sich um einen Klassiker. Wer Persien oder den Iran bereist hat, kennt ihn jedoch gewiss: Omar Chajjam (oder Chayyam) je nach Schreibweise. Er lebte schon bevor die drei Eidgenossen auf dem Rütli den Bund beschworen, nämlich von 1048 – 1131, geboren und gestorben in Nishapur. Omar war ein bedeutender Mathematiker und vor allem auch Astrologe, seine wissenschaftlichen Werke sind allerdings verschollen oder im Verlauf der Zeit untergegangen. Geblieben sind seine nach wie vor gültige Zeitrechnung des iranischen Kalenders und die auch im deutschen Sprachraum noch immer da und dort bekannten Rubaiyat, seine vierversigen Sinnsprüche. Eine schöne, kleine Ausgabe davon gibt es in der Insel-Bücherei; formidabel enthalten sind sie aber auch im gediegenen Band aus dem Beck Verlag, wo Cyrus Atabay die schönsten klassischen Gedichte aus dem klassischen Persien versammelt.
Nachfolges Rubai  habe ich der Übersetzung von Friedrich Rosen entnommen (Insel Verlag, 1929).

Von allen, die auf Erden ich gekannt,
Ich nur zwei Arten Menschen glücklich fand:
Den, der der Welt Geheimnis tief erforscht,
Und den, der nicht ein Wort davon verstand.

Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers. Insel-Bücherei 1433, schön geb., 61 S., Fr, 18.90
Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen fon Cyrus Atabay. C.H. Beck Verlag, Ln., 232 S., Fr. 34.–

Tag 6 -Charlie Mackesy was born in 1962 during a very cold snowy winter in Northumberland.

Man findet im Internet wenig über den Autor und Künstler, der gemäss seinem deutschen Verleger einen Nr. 1 Bestseller in den USA und Grossbritannien publiziert hat. Er habe auch nie eine Kunstakademie besucht; nur für einige, allerdings ziemlich namhafte, Zeitschriften sei er als Cartoonist tätig gewesen. Das ist sympathisch.
Sein Buch also, es scheint das erste zu sein, hat alles, was es zu einem echten – und vor allem: überzeugenden – Wohlfühlbuch braucht. Die Lebensweisheiten, die der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd untereinander austauschen, sind zwar nicht wirklich neu, aber aus neuen Blickwinkeln erzählt. Sie greifen zurück auf moralische Verhaltensweisen, aber nur solche zweiter oder dritten Grades – freundlich sein zum Beispiel, oder so weit zuversichtlich, dass auch etwas zu wagen möglich ist. Die vier Protagonisten bringen in meiner Lesart alle Fähigkeiten und Hoffnungen mit sich, von denen wohl auch die Bremer Stadtmusikanten aus dem Märchen der Gebrüder Grimm ihre Kraft bezogen haben. Charlie Mackesy konnte mit seiner Geschichte auch mich in Bann ziehen, wohl deshalb, weil sein Bilderbuch auch seiner Lebenshaltung zu entsprechen schein. Ein Buch für schwierige und gute Zeiten, ein Buch auch für jedes Alter.
Charlies Macksey: Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd. List Verlag, geb. und reich illustriert, ohne Paginierung, aber gefühlte 60 Seiten, Fr. 26.90

Tag 5 _ Long Bright River, der Titel der amerikanischen Ausgabe wurde für die deutsche beibehalten, eher als Roman denn als Thriller zu charakterisieren ist, mag Haarspalterei sein. Liz Moore gelingt in ihrem vierten Buch auf jeden Fall Erstaunliches: Als LeserIn folgen Sie atemlos dem handlungsreichen thrill der Geschichte zweier Schwestern. Mickey arbeitet angepasst als Streifenpolizistin, Kacey ist drogenabhängig, geht auf den Strich, um zum Stoff zu kommen. Einst waren sie Freundinnen, nun haben sie sich auseinander gelebt. Was den Roman vom reinen Thriller abhebt, ist diese Geschichte von zwei Schwestern aus unterprivilegiertem Milieu, die weit mehr ist als eine Folie, vor der sich Mord und Korruption abspielen. Kein Roman, der in die Weltliteratur eingehen wird, aber dennoch einer, der einem lange in Erinnerung bleibt.
Liz Moore: Long Bright River. Roman, Beck Verlag, geb., 414 S., Fr.

Tag 4 – Katja Riemann: Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen; S. Fischer Verlag, geb., 395 S., Fr. 33.90

Tag 3 – Franz Hohler: Fahrplanmässiger Aufenthalt. 43 Geschichten (von Appenzell bis Usbekistan); Luchterhand Verlag, geb., 104 S.,
Fr. 24.–

Tag 2 – Monika Helfer: Die Bagage. Roman. Hanser Verlag, geb.,
158 S., Fr. 25.50

Tag 1 Die Kraft der Demokratie. Roger de Weck’s Buch besticht durch das liberale Engagement des Autors. In drei grossen Kapiteln geht der ehemalige Chefredaktor des Tagis und der ZEIT auf die Hintergründe und Strömungen der Gegner einer liberalen Demokratie ein, hinterfragt auch den oft etwas zu lockeren Umgang seitens eigentlich aufgeschlossenen Demokraten und skizziert zum Schluss einige Gedanken, wie eine lebendige Demokratie aussehen könnte. Behalten Sie, auch wenn Sie das Buch nicht erwerben mögen, folgenden Satz in Erinnerung: Die Zukunft bringt Unbekanntes, doch da Bekannte prägt die Zukunftsbilder. (S. 231).
Roger de Weck: Die Kraft der Demokratie. Eine Antwort  auf die autoritären Reaktionäre. Suhrkamp Verlag, geb., 327 S., Fr. 33.90

 

Alle Jahre wieder empfehlen wir mit unserem Weihnachtsbrief Literatur nicht nur zum Weihnachtsfest, sondern auch für alle  möglichen Gelegenheiten.  Hier gehts zum Link:
Weihnachtsbrief_2019

 

 

 

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