Tagestipp

Unsere täglichen Tipps während des COVID-19-Lockdowns

 

Tag 56 – Ab heute, den 11. Mai 2020, heisst es: Bitte anstellen.


Gut Ding will Weile haben. Die Zeichnung stammt aus aus dem Bilderbuch von
Tomoko Ohmura: Bitte anstellen. Moritz Verlag, geb., Fr. 19.50

Tag 55 – Zum Abschluss ein Buch, das einen ein Leben lang begleiten kann. Fritz Mühlenweg (1898-1961) stammte aus Konstanz und nahm zwischen 1927 -1932 an drei Expeditonen nach Zentralasien teil. Ekkehard Faude, Verleger des Libelle Verlages aus Lengwil (CH), betreut seit vielen Jahren das Werk Mühlenwegs. In einem dieser Bücher findet sich der für mich immer wieder existenzielle Satz: „>Es gibt keine Hilfe> tröstete Tjang, doch seine Stimme kam von ganz unten.“ Wissen muss man jetzt, dass Tjang in eine tiefe Sandgrube gefallen war, und natürlich auch, dass es aus dieser scheinbar hoffnungslosen Falle doch noch eine Lösung gab. Ein Buch für alle schlimmen aber auch guten Situationen im Lebens.
Fritz Mühlenweg: Fremde auf dem Weg der Nachdenklichkeit, Libelle Verlag, geb. 295 S., Fr. 29.–

Tag 54 – Seit 2010 leben weltweit mehr Menschen in Städten – das Land entvöllert sich. Es scheint, dass die Städte für eine Mehrheit der Menschen eine höhere Anziehungskraft besitzt als das Land; und manchmal dünkt mich, es würde noch ein viel grösserer Teil des homo sapiens in einer Stadt leben, wenn er die Möglichkeit dazu hätte. So kommt dieses Buch hoffentlich noch zur richtigen Zeit: „Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform.“ Autor ist Werner Bätzing, emeritierte Professor für Kulturgeographie, der sich schon vor fünf Jahren einer breiteren Öffentlichkeit mit einem Buch über die Alpen empfohlen hat. Bätzing geht ganz dezidiert davon aus, dass Stadt und Landschaft eine Einheit bilden und nur dann von einem Gelingen der Zukunft geträumt werden darf, wenn die beiden nicht gegeneinander ausgespielt werden. Und genau da sieht der Autor das Problem: Die Landschaft wird nicht permanent entwertet. Ich hab noch selten ein Sachbuch gelesen, wo mir der Autor – oder auch die Autorin – derart didaktisch, Schritt für Schritt, immer wieder alle Gedankengänge aufzeichnet und hinterfragt. Bätzings Buch beginnt dort, wo die Wildbeuter von den Ackerbau betreibenden Neuzeitmenschen verdrängt werden, also vor etwa 12’000 – 10’000 Jahren. Er macht uns Lesern einmal mehr deutlich, wie lange die evolutionsgeschichtlich kurzen, in unserem heutigen Zeithorizont jedoch unglaublich lange Entwicklungspeioden dauerten. Er skizziert – und lässt dafür seine Argumente evident werden -, wie die Städte entstanden sind: Eben nicht dadurch, dass die Dörfer immer bevölkerungsreicher wurden. Bätzing legt mit seinem Landleben ein phantastisches Buch vor, das mit weitem Blick und im Detail dennoch genau, auf beste Art unser Wissen mehrt und dazu beitragen könnte, dieses auch in alltägliche Fragen und Überlegungen einfliessen zu lassen.
Werner Bätzing: Das Landleben. C.H. Beck; geb., 302 S., Fr. 34.–

Tag 53 – „Der Mann mit den Bäumen“ ist die im deutschen Sprachraum wohl die bekannteste Erzählung Jean Gionos, auch wenn diese weitgehend noch ein Geheimtipp ist. Jean Giono (1895 – 1970) ist meiner Ansicht nach einer der missverstandesten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine frühen Romane spielen alle in der Provence, in einer archaischen Landschaft, wo Sonne, Trockenheit, Wind und auch Kälte das Leben der Menschen prägen. Es sind Romane, die das Geworfensein des Menschen ins Zentrum stellen und damit auch zeigen, dass der Mensch nicht der Herr der Welt ist. Eine Der Mann, der Bäume pflanzteSicht übrigens, die zur heutigen Situation passt, wo nicht wenige leichtsinnig glauben, jedoch nicht wissen, dass „wir“ alles im Griff haben. Jean Giono wurde angefeindet von rechts und links und steht heute auf einem Abstellgleis. Zu Unrecht.
Das schmale Bändchen, das ich Ihnen wärmstens empfehlen möchte, scheint autobiografisch gefärbt zu sein. Der Autor jedoch meinte in einem Brief, alle Figuren seien erfunden. Wie auch immer, der Text berührt. Ein Icherzähler unternimmt zu beginn des 20. Jahrhunderts eine Wanderung in der Provence und findet lange keine Wasser. Endlich trifft er auf eine abgelegene Hütte, die bewohnt ist. Er wird freundlich bewirtet und sein Gastgeber erzählt ihm, dass er nach dem Tod seiner Frau, die ihm sehr lieb gewesen sei, beschlossen habe, in dieser abgelegenen Landschaft Bäume zu Pflanzen. Der Icherzähler besucht den alten Mann, tief beeindruckt, Jahre später immer wieder einmal; der Wald gedeiht, ist aber bedroht. 1947, so erfahren wir, sei Elzéar Bouffier im Asyl von Banon in Frieden verstorben.
Jean Gionos kurze, ergreifende Erzählung bringt glsklar und rein auf den Punkt, was Leben ist. Ein Bändchen, das Trost und Zuversicht spendet in unwirtlichen Zeiten.
Jean Giono: Der Mann mit den Bäumen; Flamberg Verlag, br., vergriffen.
Jean Giono/Quint Buchholz: Der Mann, der Bäume pflanzte; Hanser Verlag, geb., illustriert von Quint Buchholz, 40 S., Fr. 22.–
ISBN  978-3-446-23935-7

Sie kommen!Tag 52 – Der „Nobelpreis für das Bilderbuch“ geht an Albertine und ihr Buch „Sie kommen“. So titelte die „Schaffhauser Nachrichten anerkennend auf der letzten Seite des ersten Bundes. Die Auszeichnung mit dem Hans Christian Andersen Preis, den übrigens erst drei weitere Schweizer (Alois Carigiet, Jörg Müller, Jürg Schubiger) erhalten haben, ist hochverdient. Schon 2010 legte sie zusammen mit ihrem Mann Germano Zullo ein sagenhaftes Bilderbuch vor, das meiner Ansicht nach ihr neues Buch in grafischer Hinsicht noch toppt: „Les oiseaux“. Vielleicht denken Sie nun, das könnte  auch mit meinem Namen zu tun haben 🙂 In relativ flächigen Bildern wird die Geschichte eines Lastwagenfahrers erzählt, der irgendwo seinen Laster öffnet und ein Schwarm von Vögel entweicht bis auf einen. Die beiden, der ängstliche Vogel und der Chauffeur kommen ist Gespräch über Gott und die Welt.
„Sie kommen“, lässt einen bis zur letzten Seite im Ungewissen. Da kommen nämlich in den Gedanken einer Kindergärtnerin allerlei Ungeheurer daher, verwirren sie, machen sie auch wieder zuversichtlich. Für einmal ist es nicht angesagt, das Ende zu verraten, weil dadurch ein Moment zerstört würde, das dem künstlerisch einmal mehr gelungenen Buch, die Pointe nähme. Grossartig.
Bilderbücher mit Ungeheuern und furchterregenden Fabelwesen finden nicht immer die Gunst der Erwachsenen; nicht selten denken manche, Kinder würden daob erschrecken. Allein, Kinder haben einen anderen Zugang zur Wirklichkeit der Welt. Wärmstens empfehlen möchte ich dazu drei Klassiker und eine Neuerscheinung. Maurice Sendak erzählt in seinem 1963 erschienenen Band „Wo die wilden Kerle wohnen“ die Geschichte von Max, der sich mit einem Wolfspelz verkleidet und die Mutter derart hässig macht, dass sie ihn ohne Znacht ins Bett schickt, wo bald daruaf die Traumreise zu den wilden Kerlen beginnt… Tomi Ungerer erzählt in seinem 1970 erschienen Bilderbuch „Zeraldas Riese“ die Geschichte eines Menschenfressers, der bevorzugt Kinder zum Fühstück verzehrt. Wie Zeralda, das unerschrockene  Mädchen vom Lande, den Unhold zur Raison bringt verrät dieser Kinderbuchklassiker.  1985 erschien erstmals die Geschichte des blauen Kerls und der roten Kerls, die je auf einer Seite eines Berges ein friedliches  Leben führen; manchmal sprechen sie durch ein Loch im Berg miteinander und geraten in einen ungeheuerlichen Streit darüber, ob jetzt die Sonne aufgeht oder untergeht. Und die neueste Drachengeschichte stammt von Leo Timmers, erschienen im Zürcher aracari Verlag: Wo steckt der Drache? Da erschrickt der König eines Nachts, weil er meint, ein Drache bedrohe ihn. Und er schickt seine drei tapfersten Ritter los, um das Ungeheur zu erlegen. Sternklar ist die Nacht und die Kerze des Vorausgehenden leuchtet nur matt den Weg aus – Drachen tauchen da und dort ganz gefährlich als Schattenrisse auf…
Albertine Neeman/Germano Zullo: Les oiseaux. Editions la Joie de Lire; nur in französischer Sprache lieferbar. Fr. 24.50
Albertine Sylvie Neeman: Sie kommen!; Aladin Verlag, Fr. 20.60
Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen, Diogenes Verlag, Fr. 27.–
Tomi Ungerer: Zeraldas Riese, Diogenes Verlag, Fr. 24.–
David McKee: Du hast angefangen! Nein, Du!, Fischer/Sauerländer Verlag, Fr. 8.90/26.90

Tag 51 – Mariam Kühsel-Hussaini wurde 1987 in Kabul als Enkelin eines berühmten Kalligraphen geboren und wuchs in Deutschland auf. 2010 erschien ihr vielbeachtetes Debut “ Gott im Reiskorn“. Nun, zehn Jahre später, legt sie mit „Tschudi“ einen biografisch-historischen Roman vor, der zur Spitze des Eisberges von Büchern zählt, die dieses Frühjahr erschienen sind.
TschudiSind Sie ein an Kunst Interessierte Leserin oder Leser, dann finden Sie in Ihrer Bibliothek wahrscheinlich den von Wassily Kandinsky und Franz Marc in vielfacher Ausgabe erschienenen Band „Der Blaue Reiter“. Das Buch trägt die Widmung „Dem Andenken an Hugo von Tschudi“. Der Roman  der jungen Autorin aus Afghanistan stellt genau diesen Schweizer Kunsthistoriker  ins Zentrum ihres neuen Buches. Hugo von Tschudi, gross gewachsen, blond und gut aussehend ist von der furchtbaren Wolfskrankrankheit gezeichnet und je älter er wurde, entstellt. Der Roman schlägt im Nu alle an bildender Kunst interessierte LeserInnen in Bann, weil die Autorin das künstlerische Feld der vorletzten Jahrhundertwende gekonnt auffiedert. Faszinierend, doch vielleicht für sec postmodern denkende Menschen zu schwülstig,  ist die Sprache der Autorin. Mariam Kühsel-Hussaini versteht es fast schon traumwandelnd, ihre kulturelle Herkunft mit der westlichen modernen Kunst und Kultur zu verbinden. Ein Juwel dieser Saison.
Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi; Roman, Rowohlt Verlag, geb., 317 S., Fr. 33.–

Tag 50 – Neben dem Rotpunktverlag entzündet auch der Limmat Verlag seit einigen Jahren mit schöner Regelmässigkeit immer wieder literarische Leuchtfeuer von Schweizer Autorinnen und Autoren am Rand der ab und an gross angerührten Schweizer NeptunjahreLiteraturszene.  Diesen Frühling sind es die beiden schmalen Bände „Neptunjahre“ von Anna Ruchat und „Wurzelstudien“ der in Vaduz geborenen Anna Ospelt. Die zwölf kurzen Erzählungen der gebürtigen Zürcherin, die in der Nähe von Pavia wohnt, nehmen tatsächliche Ereignisse auf – die Seegfrörni von 1963 zum Beispiel gleich zum Auftakt – und werden zu einem literarischen Destillat europäischer Sozialgeschichte.
Ganz anders Anna Ospelt Buch, das ohne Gattungsbezeichnung daherkommt. Ein Textgewebe, das Kunst, Kultur und Natur faszinierend miteinander verflicht. Der schmale Band beginnt mit dem Abschütteln von Schnee von Bäumen und Sträuchern in einem April. Beim heimlichen Einstieg in einen Pferdestall fallen ihr Dokumente in die Hand, woraus sich die Geschichte entwickelt. Die Autorin steigt dann ziemlich schnell ein Wurzelstudienin die Biographie von Henry Krüger, einem namhaften Verleger der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Zur Charkaterisierung Goverts zieht die Autorin ein paar erhellende Skizzen von Zeitgenossen bei. Henry Goverts konnte sich während der Nazizeit rechtzeitig ins Fürstentum zurückziehen, wo seine britische Mutter lebte. Und die Autorin, ebenfalls aus Liechtenstein, wuchs in der Nachbarschaft der Govert’schen Villa auf. Das Buch beleuchtet im ersten gefundenen Heft bruchstückhaft, doch eigentlich recht treffend, den Lebenslauf des dandyhaften Verlegers, der jedoch nie nationalsozialistischem Schriftum eine Plattform gab.
Faszinierend an diesem Test ist die clandestine Vebindung zur zeitgenössischen Kunst. Auch da fehlt vordergründig oft eine Erzählung, die auf den ersten Blick mit Emotionen in Verbindung gebracht werden. Die Betroffenheit findet auf einer analytisch-intellektuellen Ebene statt. Ein grosses Verdienst Anna Ospelts „Wurzelstudien“ ist, dass es genau dieses Scharnier künstlerischen Schaffens zwischen Vormoderne/Moderne/ Postmoderne sichtbar macht. Ein aussergewöhnlich anregendes Buch, für alle verständlich geschrieben und doch voller Anregungen, die einen weiterführen.
Anna Ruchat: Neptunjahre. Erzählungen, Limmat Verlag, geb., 140 S., Fr. 26.–
Anna Ospelt: Wurzelstudien; Limmat Verlag, geb. mit zahlreichen Farbfoto-Miniaturen; 125 S., Fr. 28.–

Tag 49 – Beim Literaturclub vom 4. Februar war Simone Buchholz zu Gast. Jene Talkshow ist mir in zwiespältiger Erinnerung; argumentativ zu oberflächlich und vor allem zu voreingenommen schien mir die Kritikerrunde den neuen Roman von Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Das Gewicht der WorteMercier in die Mülltonne geschmissen zu haben. Kritisches Denken per se ist weder negativ noch positiv; es bezeichnet  nicht per se schädlich. Ich kann nachvollziehen, dass man bemängeln kann, dass der Roman eigentlich ein verkappter Essay und das Buch zu sehr vom Autor gesteuert sei. Vor allem Philipp Tingler, der oft als wortgewaltiger advocatus diaboli die Runde aufzuheizen weiss, murkste ein für die Zuschauerinnen und Zuhörer erhellendes Gespräch ab. Das neue  Buch von Mercier hat gewiss erzähltechnische Schwächen und dennoch: Der Roman ist lesenswerter denn viele andere, die hochgejubelt werden. Gewiss, das Buch wird wohl eher Menschen ansprechen, die im letzten Drittel ihres Lebens stehen, weil es Fragen nachgeht, die jüngere Leserinnen und Leser weniger interessieren. Das liegt nicht zuletzt natürlich auch am Protagonisten, der im fortgeschrittenen Alter erfährt, dass nicht er selber an einem tödlichen Tumor erkrankt ist, sondern jemand anders. Dazu passt dann auch der traditionelle Ton und Stil des Buches, wo man das Freche und Frische vergeblich sucht.
Doch eigentlich wollte ich einen Krimi von Simone Buchholz vorstellen.  In jener Literaturclubrunde hielt sie sich vorsichtig Blaue Nachtzurück. Und wer ihre Krimis liest, der versteht von der ersten Seite weg auch, warum. Simone Buchholz‘ Figuren sind ein, zwei Generationen jünger als Merciers Romanpersonen. Ihre Kriminalromane können süchtig machen – nicht, weil sie das Genre des Krimis neu erfinden, sondern weil sie eine moderne Sprache für sie findet. Das ist nun frisch und neu und (meinetwegen) jung, doch es bleibt ein Krimi. Und diese spielen eben oft auch in einer anderen sozialen Welt. In diesem Buch wurde eine Staatsanwältin, die einen ihrer Vorgestzten der Korruption überführte, kalt gestellt; wegbefördert in die Rolle einer Opferschutzbeauftragten. Da liegt es nahe, dass sie neben Opfern auch nahe zu Tätern kommt. Und so entsteht dann flugs ein raffinierter Plot. Wer Krimis liebt, möge bitte nicht auf meine versteckte Kritik achten: Simone Buchholz schreibt keine philosophischen Romane, doch ihre Kriminalromane, sprachlich salopp modern und inhaltlich perfekt komponiert, zeigen eine Welt, die über Umwege durchaus in den Bereich der politischen Philosophie hineinreicht.
Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte; Hanser Verlag, geb., Fr. 34.60
Simone Buchholz: Blaue Nacht, Suhrkamp, TB, 235 S., Fr. 14.50

Tag 48 – Jan van Eyck. Das Museum der Schönen Künste in Gent zeigt zur Zeit eine grosse Gesamtschau des künstlerischen Gesamtwerkes – inklusive Teile des restaurierten Alters, der seinem älteren Bruder und ihm zugeschrieben wird. Leider ist das Museum aus bekannten Gründen geschlossen.
Van EyckJan van Eyck ist unbestritten der Meister und zugleich auch Visionär der altniederländischen Hochgotik. Nur Dürer steht nördlich der Alpen auf gleicher Höhe neben ihm. Jan van Eyck wurde um 1390 geboren ud stab 1441. Er war ein vielbeschäftigter Mann im Herzogtum Burgund, das unter Karl dem Kühnen knapp vierzig Jahre später in den drei letzten grossen und erfolgreichen Schlachten der alten Eidgenossen den Kürzeren zog: Bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut und bei Nancy das Blut – das bleibt mir unauslöschlich seit meinem Geschichtunterricht. Leider aber erfuhr ich damals nichts von Jan van Eyck. Van Eyck war seinen Zeitgenossen um Jahrzehnte voraus – erstmals war mit ihm ein Maler tätig, der den Spagat zwischen Rittertum, höfischem Leben und aufkommendem, selbstbewusst werdenden Bürgertum fast mühelos und doch noch heute faszinierend bewältigte. Spannend zu verfolgen ist für uns heutige Betrachter zum Beispiel auch die Lösung der Perspektive. Jan van Eyck setzte oft den Menschen in den Vordergrund, zeichnete mit ihm ein Bild der damaligen Gesellschaft. Anders als bei seinen italienischen Kollegen steht der Mensch jedoch gewissermassen vor der gemalten Landschaft und nicht in ihr. Wie auch immer: Ich möchte Sie ermutigen, nach BurgundMöglichkeit grosse Ausstellungen alter Meister zu besuchen – und sollte dies nicht möglich sein, einen Katalog/ein Kunstbuch derselben zu erwerben. Das ersetzt zwar nicht den Genuss einer eins-zu-eins-Betrachtung, aber es versetzt einen, dank vorzüglichen Katalogtexten zurück in eine Zeit, in welcher unsere geboren wurde. Lesen Sie dazu auch den informativen Text von Thomas Ribi in der NZZ vom 27.4.2020.
Zur Kultur und Geschichte der Burgunderherzöge empfehle ich Ihnen im Weiteren den detailreichen Band von Bart van Loo, der die 1111 jährige Geschichte des Herzogtums, das stets zwischen den ganz grossen Reichen stand, wieder zum Strahlen bringt.
Van Eyck. Eine optische Revolution; Buchhandelsausgabe zur Ausstellung im Museum der Schönen Künste zu Gent; Belser Verlag, Ln., 501 S., Fr. 120.–  ISBN 978-3-7630-2857-3
Bart van Loo: Burgund. Das verschwundene Reich.; Verlag C.H. Beck, geb., 656 S., Fr. 43.–  ISBN 978-3-406-74927-8

Augusto GansserTag 47 – Wissenschaft, Abenteuer, Reisen und Kochen mögen auf den ersten Blick weit auseinander liegen; für diese beiden Buchtipps kommen sie aufs Schönste zusammen. In meinem Weihnachtsbrief von 2012 stellte ich ganz kurz eine Biografie des Welt-Erkunders, Wissenschafters, Geologen, Fotografen Augusto Gansser vor, der in jenem Jahr 101-jährig gestorben war. Gansser nahm 1934 an einer Grönland-Expedition, 1936 an einer Expedition in den Himalaya; als erster Geologe umrundete er als buddhistischer Mönch verkleidet den heiligen Berg Kailash in Tibet und entdeckte dabei die geologische Nahtstelle zwischen Indien und dem Rest Asiens. Er arbeitete und lebte in Kolumbien und von 1950-1957 als Geologe in Persien. All dies wäre mir nicht in den Sinn gekommen und hätte ich nachgelesen, wenn mich im Laden nicht seit erin paar Wochen immer wieder ein verführerisches Kochbuch angelacht hätte: Pardiz„Pardiz. Die Küche Persiens“ von einer Manuela Darling-Gansser. Das Buch, das weit mehr als eine köstliche Rezeptsammlung ist, beginnt mit ein paar Fotos ihrer Familie aus Persien. Die Familie musste wohlhabend sein, sie lebte in einem modernen Backsteinhaus, das von einem grossen, ummauerten Garten umgeben war. Gärten zählen im Iran noch heute zu paradiesischen Plätzen, einige von ihnen sind sogar ins Inventar des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden. Die Autorin erzählt, dass ihre Kindheit von diesem Garten so geprägt worden sei, dass sie ihn noch heute mit einem Paradies assoziiere, altpersisch: Pardiz. Neben der kurzen Familienreminiszenz, von der man gerne auch mehr lesen würde, stellt der Band auch einige Regionen Irans vor und kann getrost auch als wunderschönes Erinnerungsbuch an eine Reise nach Persien betrachtet und gelesen werden.
Zurück zum Welt-Erkunder: Manuela ist eine der Töchter der von Augusto und Toti Gansser.
Ursula Markus*/Ursula Eichenberger: Augusto Gansser; AS-Verlag; Foto-/Textband; geb., 160 S., Fr. 58.– ;  ISBN  978-3-909111-58-9
Manuela Darling-Gansser: Pardiz. Die Kücher Persiens; Knesebeck Verlag, geb., 337 S., Fr. 49.– ;  ISBN 978-3-95728-374-0
*Ursula Markus übrigens ist eebenfalls eine Tochter von A. u. T. Gansser.

Tag 46 – Tag der Arbeit, ein symbolischer Kampftag für gerechte Löhne, soziale Sicherheit; gegen das Kapital. In Schaffhausen sei noch nie in der über hundertjährigen Geschichte des 1. Mai ein Demonstrationszug mit Reden und Brandreden ausgefallen, selbst während des Zweiten Weltkrieges nicht. Da gegen das Covid-19-Virus weder Tränengas, Wasserwerfer oder gar Gewehrläufe etwas ausrichten, ist es nur klug, sich über die Zukunft danach ein paar Gedanken zu machen. Dazu ein Tipp.
Wie kommt der Wert in die Welt?Mariana Mazzucato ist eine italienisch-amerikanische Ökonomin, die zwar im Kontext von Maiansprachen kaum jemals erwähnt wird, da sie ohne Zweifel vordergründig keine linken oder marxistischen Wirtschaftstheorien als allgemeingültige Mittel gegen Ungleichheit predigt. Mariana Mazzucato stellt für mich jedoch die richtigen Fragen, in deren Zentrum eine steht, für die es zuerst einmasl keine klare, einfache, schlüssige Antwort gibt. Selbst Karl Marx kreuzt dagegen immer wieder mal auf, umschifft sie jedoch dann wieder grossräumig. Die Frage, die dem Buch den Titel gibt, lautet: „Wie kommt der Wert in die Welt?“ Im Untertitel, „Von Schöpfern und Abschöpfern“, skizziert die Ökonomin das Umfeld, in welchem sie forscht . Mariana Mazzucato gibt keine Patentlösungen, aber ihr gelingt, was ganz wunderselten ist: Sie erklärt einem, der nicht Wirtschaftswissenschaften studiert hat, wie die Wirtschaft funktioniert und sie erklärt auch klipp und klar, dass es Gewinne (Werte) gibt, die sich in Luft auflösen  und wer warum und wie profitiert und/oder verliert. Die Kenntnisse darüber könnten uns Demokratinnen und Demokraten wiederum das notwendige Rüstzeug auf den Weg geben, um bei Abstimmungen vernünftige Voten abzugeben.
Mariana Mazzucato: Wie kommt der Wert in die Welt?, Campus Verlag, geb., 407 S., Fr. 33.40;   ISBN 978-3-593-50998-3

Annette, ein HeldinneneposTag 45 – „Annette, ein Heldinnenepos“. Ein seltsamer Buchtitel, der mir Assoziationen an das Nibelungenlied wach gerufen hat – mit negativen Gendervorzeichen. Wer auf dem Buchcover, ganz klein gedruckt, den Namen der Autorin entdeckt, merkt auf, doch nur, wenn er/sie Rezensionen in der NZZ oder auch im Tages-Anzeiger verfolgt: Anne Weber. Die 1964 in Offenbach geborene Autorin lebt seit 1983 in Paris; ihr erstes Buch „Ida invente la poudre“ (1998), erhielt im deutschen Feuilleton, obwohl in französischer Sprache erschienen, beträchtliche Lorbeeren. Anne Weber hat den Sprung in die Liga der Autorinnen oder Autoren noch nicht geschafft, die heute im Bewusstsein der LeserInnen als wichtige zeitgenössische Autorinnen gelten. Sie steht Wir wollten das Leben ändern, Bd.1damit, meiner bescheidenen Meinung nach, leider nicht allein. Ob ihr neues Buch diesen Sprung nun schaffen wird, ist einmal mehrt ungewiss. In Versen, doch nicht gereimt, erzählt sie dicht, anrührend, doch weit entfernt von sentimentaler Nähe, die Lebensgeschichte der heute 95-jährigen Französin, Anne Beaumanoir, die einst gegen Hitler-Deutschland in der  Résistance sich aktiv engagiert hat und später sich für die FLN, die algerische Unabhänigkeitsbewegung eingesetzte, was ihr zehn Jahre Haft eingebracht hat. Die Erzählung in Versform entwickelt einen mitreissenden Sog – auch wenn Sie mir das auf Anhin nicht glauben mögen. Die packende literarische Verdichtung allerdings könnte darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei nicht um Fiktion handelt. Wer darüber aus erster Hand mehr erfahren möchte, dem sei die Aurtobiogtaphie Anne Beaumanoirs wärmstens anempfohlen, die zwar nicht in die Geschichte der schönen Literatur eingehen wird, die aber ein kleines, doch wichtiges Dokument zur Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa ist.
Anne Weber: Annette, Ein Heldinnenepos; Matthes & Seitz; geb., 207 S., Fr. 29.50
Anne Beaumanoir: Wir wollten das Leben ändern. Bd. 1 Leben für die Gerechtigkeit – Erinnerungen 1923-1956; Edition Contra-Bass; Kt., 207 S., Fr.  19.90 (Bd. 2 soll 2020 erscheinen)

NichtrechthabenwollenTag 44 Nichtrechthabenwollen. Was für ein Buchtitel, was für ein Programm! Das Buch des 1954 geborenen Martin Seel, Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt, ist im vergangenen Jahr erschienen – und es ist kein akademischer Text, der einem Moral beibringen will. Seels Buch, das im Untertitel „Gedankenspiele“ nennt, ist unaufgeregt, ruhig und doch mit gedanklichen Sprengkapseln gespickt. Martin Seel gehört nicht zu denjenigen, die laut trommeln und doch selten Gewichtigeres zu sagen haben als die Stillen im Lande. Seels kurze Texte könnte man als Gedankenfragmente bezeichnen, als Bruchstücke in einem Steinbruch. Je nachdem, wer sie braucht, wird ein schönes Gebäude mit ihnen aufrichten können; bleiben sie unbenutzt liegen, verlieren sie ihren Wert nicht. Martin Seel ist in seinen Büchern stets anregend, nie besserwisserisch. Ein wertvolles Buch zur heutigen Zeit, wo vieles ungewiss ist; nicht, weil es Gewissheit verspricht, sondern weil es im Gegenteil davon spricht, dass das Ungewisse zum Leben gehört.  Ein Buch im Weiteren, das in Häppchen wie diesem gelesen werden möchte: „Wer stets mit dem Kompass unterwegs ist, hat die Orientierung verloren. Wer nichts von Irrwegen weiss, weiss nichts von Wegen.“
Martin Seel: Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele; S. Fischer Verlag,, geb. 158. S., Fr. 25.90; I)SBN  978-3-10-397223-8

RulamanTag 43Wir bleiben bei unseren Ahnen. Vor 145 Jahren erschien ein Buch für Jugendliche und Erwachsene – heute heisst das ein „all-age-book“ -, das vor allem im Schwäbischen bis heute lebendig geblieben ist: „Rulaman“ von David Friedrich Weinland. Ich kannte das Buch bis vor Kurzem nicht; ein Freund aus der deutschen Nachbarschaft machte mich darauf aufmerksam, als wir über Bücher sprachen, die uns in der Jugend beeindruckt haben. Rulaman ist ein Häuptlingssohn der Aimats, eines längst untergegangenen Volkes, das sich lange noch in den Wäldern und Bergen der Schwäbischen Alb halten konnte. Die Aimats, so erklärt uns der Autor, seine Rentierjäger gewesen – vgl. die altsteinzeitlichen Jäger, die im Kesslerloch Unterschlupf gefunden hatten -, die sich von den einfallenden „Kelten“, wie Weinland sie nennt, bedrängt werden. Der technologisch höher entwickelte Stamm, schon Ackerbauern der Bronzezeit, hätten die früheren Hominiden der Jäger und Sammler verdrängt und lerztlich ausgelöscht. Weinland war ein Pfarrerssohn, studierte Botanik und Zoologie und war auch für kurze Zeit an einer Universität in den Amerika tätig; er unternahm während seiner Tätigkeit auch Reisen zu einigen Indianderreservaten, die ihn dann, nach etlichen Studien zu den zirkularpolaren Völkern, vor allem den Lappen, zu dieser packenden Erzählung inspirierten. Zugegeben, es ist ein Buch jenseits unserer Zeit und doch eines, das jungen Lesern, so glaube ich, noch heute  eine Zeit hautnah näherbringt, die davon erzählt, wo unsere Wurzeln sind, woher wir kommen. Unsere Gegenwart wird nie diejenige unserer Nachkommen sein – Rulaman ist mit seinem Stamm untergegangen. Und keine Angst vor dem Titelbild: Das Buch ist nicht in Fraktur gesetzt!
David Friedrich Weinland: Rulaman. Erzählung aus der Zeit des Höhlenmenschenund des Höhlenbären; Knödler Verlag, geb. 341 S., Fr. 22.10;  ISBN 978-3-87421-137-6

 

Der Neandertaler, unser BruderTag 42Silvana Conemi ist eine Koryphäe der Paläöanthropologie und Forschungsdirektorien am Centre national de la recherche scientific CNRS; sie kennt wohl jedes fossile Fundstück vom Homo neanderthalensisFrançois Savatier ist Wissenschaftsjournalist. Die beiden haben 2016 ein Buch veröffentlicht: „Néandertal, mon frère. 300’000 ans d’histoire de l’homme“, das jetzt auch in deutscher Sprache erschienen ist. Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben, ist auf dem neusten Stand der Wissenschaft und lässt doch, wo nötig, Fragen offen. Das Buch hat mir schlummernde Interessen schlagartig wach gerüttelt: Was für Menschen sehen wir denn nun im Kesslerloch-Diorama? Sind die alsteinzeitlichen Rentierjäger Neandertaler? Nein, das sind sie nicht, sie gehören in der Tat zur Art Homo sapiens. Und ich lerne z.B. nochmals Neues über die Eiszeiten: Nach den Donauzuflüssen Günz, Mindel, Riss und Würm, so lernte ich noch in der Kantonsschule, würden im Alpenraum die Eiszeiten des Pleistozäns bezeichnet. Doch heute spreche man nicht mehr von der alpinen Chronologie, sondern von der astronomischen. Dem Buch gelingt es auf jeden Fall, uns den Dünkel vom dumben Neandertaler zu nehmen; wir sehen diesen Vorfahren nun als eine Persönlichkeit, auf die wir in unserer Ahnenreihe stolz sein dürfen.
Silvana Condemi/François Savatier: Der Neandertaler unser Bruder; C.H. Beck Verlag, geb., 237 S., Fr. 25.90

Die wenigen GeräuscheTag 41  – Philippe Jaccottet, der in Moudon im Waadtland geboren wurde und seit langem in Frankreich lebt, feiert dieses Jahr den 95. Geburtstag. Kein Alter, das heute die jugendlichen Kultur- und Literaturmenschen  zu Begeisterungsstürmen bewegt. Was soll’s: Ein Jegliches hat seine Zeit, die Jugend und das Alter. Doch ohne Zweifel: Jaccottet wir für längere Zeit jenen in Erinnerung bleiben, die es wagen, ihn zu lesen. Dennoch, das Buch ist nicht leicht zu lesen  – es ist ein Buch, das den Leser, die Leserin fordert, ein Buch auch, das Geduld fordert und diese belohnt.Warum? Jaccottet erzählt, beschreibt Alltägliches in einer Art, dass wir denken, es sei trivial. Allein: Selber etwas so zu Papier zu bringen, wird den wenigsten gelingen. Zum Beispiel: „Anbruch des schönen Wetters. Die Geranie „Herbe à Robert“ mit ihren sehr kleinen und beinahe gewöhnlichen roten Blüten, getragen von zerbrechlichen und zugleich sehr geraden Stielen, sie spricht trotz allem noch ein wenig zur dir. Als kämen die letzten Zeichen doch immer von etwas ganz und gar Belanglosem“. Ein Buch für alle, die sich ein Buch wünschen, das einen Stück für Stücklein über Jahre hinweg begleitet.
Philippe Jaccottet: Die wenigen Geräusche. Späte Prosa und Gedichte. Hanser Verlag, geb., 158 S., Fr. 29.90

 

Beskiden-ChronikTag 40„Leute, die nichts haben, suchen Zuflucht an einem Ort, wo es alles gibt.“ Andrzej Stasiuks neustes Buch in deutscher Sprache erschien in einer Zeit, da die Buchhandlungen schliessen mussten. Ein harter Schlag für den Autor, der von den Verkaufszahlen seinen Lohn kriegt, und ein harter Schlag auch für den Verlag, da dieses Buch und viele andere auch, die kurz vor der Schliessung der Läden erschienen sind, schon von den neuen Büchern, die im Sommer erscheinen werden, aus dem Sortiment, den Auslagen, den Schaufenstern verschwinden. Andrzej Stasiuk ist nicht nur ein begnadeter Stilist, er ist vielmehr auch ein Autor mit einer ausserordentlichen Beobachtungsgabe. Sein neues Buch ist eine Sammlung von Miniaturen und Essays, die er zwischen 2013 und 2018 für die polnische Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny geschrieben hat. Die versammelten Beiträge des heute in den Beskiden wohnenden Autors spielen zumeist in Polen; „Zufluchtsorte“, heisst die kurze Geschichte, aus dem das Zitat am Anfang stammt. Sie spielt in einer IKEA-Filiale in Polen, wo sich mittellose Menschen auf Bänken an einem Ort im Warmen und „Heimeligen“, obwohl in in Kunstlicht getaucht, wohl fühlen, auch wenn die Konsumgüter, die so greifbar sind, ihnen nicht zugänglich sind. Ein eindrückliches Buch, das auch eine kräftige Lanze bricht für schriftstellerisch begabte und erfolgreiche Journalisten – wie Joseph Roth oder auch den ehemaligen AZ-Redaktor und heutigen Tagesanzeiger Journalisten Kevin Brühlmann.
Andrzej Stasiuk: Besiden-Chronik. Suhrkamp, geb. 299 S., Fr. 30.50

Tag 39Nochmals von Fischen und Hühnern, eine Ergänzung zu den Tagestipps 30 und 36.
Es gibt ja in den Schweizerischen Gewässern nicht nur Aale und selbst wer die Fischerprüfung absolviert, muss nur etwa zwanzig Fische kennen, über deren Schonzeit Bescheid wissen und auch wissen, wie gross die Fische sein müssen, damit er sie blau zubereiten, braten oder sonst wie garen kann. Beim CSCF, dem Centre Suisse de Cartographie de la Faune, ist vor zwei Jahren der Band „Pisces“ erschienen, ein Nachschlagewerke sämtlicher Fische ind unseren Gewässern. Da wird beschrieben, wie und wo sie leben (mit einem Verbreitungsatlas pro Art), woher sie kommen, ob sie vom Aussterben bedroht sind oder gar als Eindringlinge unerwünscht. Das zweibändige Werk, der zweite Band zeigt viele der Arten in Fotografien, wird bei keiner Jury einen Stern bezüglich Gestaltung erhalten. Doch wer sich für die Fische in unseren Seen, Tümpeln, Bächen und Flüssen interessiert, der oder die kriegt ein spannendes, umfassendes Nachschlagewerk.
Wir bleiben bei den Fischen oder besser: bei der Fischerei.  Da liegen sich nicht nur seit Jahrhunderten meeranstössige Nationen um Fanggründe in den Haaren, sondern seit gut tausend Jahren auch Rheinklingen/TG und Schaffhausen. Der frühere SP-Nationalrat, Historiker und AZ-Chefredaktor ist auch Bürger von Rheinklingen und als solcher hat er sich diesem hin und wieder eskalierenden Streit angenommen. Den Fakten folgend, doch mit einem verständlichen Schuss Sympathie für seine Heimatgemeine dröselt der Historiker die verknoteten Fäden auf und macht vor allem eines sichtbar: Es ist noch heute schwierig, Jahrhunderte alte unverbriefte Rechte, aber auch Verträge, die von längst nicht mehr bestehenden Körperschaften ausgehandelt wurden, in ein aktuelles Rechtssystem zu überführen. Der Texte erschien zuerst in den Schaffhauser Beiträgen zur Geschichte Bd. 91/2019 (miet einem Beitrag u.a. auch von Markus Furrer zur Weinwirtschaft im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schaffhausen). Als Sonderdruck liegt Hans-Jürg Fehrs Beitrag nun auch im Verlag am Platz vor.
Das HuhnHühner – und vor allem Güggel – machen mehr Lärm. Was durchaus den menschlichen Güggeln nicht unsympathisch zu sein scheint, was man noch immer in einigen Ländern Südamerikas oder auf den Philippinen beobachten kann. Da werden Hähne als Kampfhähne gezüchtet, die dann in schummeligen Hinterhöfen oft mit an  den Beinen befestigten Rasierklingen aufeinander losgehen. Zum Federvieh, das seit einigen tausend Jahren schon den Menschen als Haustier begleitet, legte der Haupt Verlag schon 2013 ein auch wirklich schön gestaltetes Buch vor. Da erfährt man über Geschichte, Evolution, Anatomie, Verhalten, Intelligenz und Rassen ziemlich viel über das Huhn und beginnt zu verstehen, dass sich jemand durchaus eine Hühnerzucht mit Haut und Haaren verschreiben kann.
Blaise Zaugg: Fauna Helvetica. Pisces. Atlas u. Bestimmungshilfe; ge./br., 2 Bde. franz./dt., Verlag CSCF, Fr. 65.–
Schaffhauser Beiträge zur Geschichte Bd. 91/2019; Historischer Verein SH, geb., 255 S., Fr. 42.–
Hans-Jürg Fehr: Der lange Streit um die Fischer-Freiheit., Verlag am Platz, kt., 68 S., Fr. 8.50; ISBN 978-3-908609-12-4
Joseph Barber: Das Huhn. Geschichte, Biologie, Rassen, Haupt Verlag, geb.. 224. S., Fr. 38.90  ISBN 978-3-258-07768-0

Tag 38Tag des Buches. Ein Tag, den der Schweizerische Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV seit ein paar Jahren nutzen möchte, dem Buch und vor allem natürlich auch den Buchhandlungen eine Werbeplattform zu schaffen. Das mag verdienstvoll sein, ist aber letztlich doch etwas unbeholfen; so, wie wenn der Schweizerische Wirteverband dafür werben würde: Gehen Sie wieder einmal auswärts essen. Unser Verband liess sich für seine PR-Aktion für das Buch vor drei oder vier Jahren etwas Besonderes einfallen: Das Lieblingsbuch der Schweizer Buchhändlerin (und ganz vereinzelt  auch des Buchhändlers). Alle im Buchhandel Arbeitenden dürfen einen Tipp abgeben, von den fünf meist genannten wird dann das Lieblingsbuch per Abstimmung erkoren.  Delia Owens heisst dieses Jahr die Autorin und das Buch „Der Gesang der Flusskrebse“. Vom  mittlerweile in 11. Auflage vorliegenden Buch meinte vergangenen Sommer der Vertreter des Hanser Verlages: „Wir versprechen uns einiges von diesem Titel“. Über das Warum erfährt man heutzutage wenig, wenn man davon absieht, dass ausführlich berichtet wird, wo und mit welchem Effort für ein Buch geworben wird. Da könnte einem manchmal schwindlig werden und ich werde darob oft missmutig.  Und es freut mich für den Verlag, dass er mit seiner Where the Crawdads SingEinschätzung den Nagel getroffen hat. Mit vielen diesen Bestsellern aus Verlagshäusern mit gutem Namen ist es dennoch nicht anders als bei Unterhaltungsromanen von im Feuilleton gemiedenen Publikumsverlagen: Da passt so einiges in der Geschichte nur im Buch und für den Thrill zusammen. Hier ist es ein Mädchen, das von der Mutter verlassen wird und plötzlich allein ist; ein Mädchen, das sich mit der Natur auseinandersetzen muss, ein Mädchen, das mit einer Leiche konfrontiert wird, und und und. Ein Stoff, aus dem Bestseller gewoben sind; sprachlich oft ziemlich unbeholfen, in diesem Falle gerechterweise immerhin ansprechend. Im Vergleich zum Tagestipp 37 und 36, fesselnd und packend geschriebenen Romanen, fällt Owens‘ Buch in meinen Augen jedoch klar durch. Es fehlt ihm aus meiner Sicht, die sich nicht mit Ihrer decken muss, die menschliche Tiefe und überzeugende erzählerische Kraft, die suggeriert wird. Suchen Sie jedoch einfach gut erzähltes, bis zur letzten Seite spannendes Lesefutter, dann mag Sie der „Gesang der Flusskrebse“ durchaus für ein paar Stunden in Bann ziehen. Wenn Sie den Roman im Original lesen, dann spricht der Gewinn für den lebendigen Erhalt der Fremdsprache durchaus überzeugend für den Roman.
Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Hanser/blau, geb., 457 S., Fr. 29.50
Delia Owens: Where the Crawdads sing, Penguin, 400 S., Fr. 16.50

Tag 37Vom Verschwinden von Bücher bevor sie überhaupt wahrgenommen werden – Teil 1: Als die Tschechin Petra Hulová 2002 ihr Buch veröffentlichte, zählte sie 23  Jahre. Fünf Jahre später erschien ihr Roman „Kurzer Abriss meinres Lebens in der mongolischen Steppe“ auf Deutsch in der Sammlung Luchterhand. Diese war, bevor der Verlag von der Verlagsgrupper Random House übernommen wurde, eine erstklassige Adresse für unbekannte Autorinnen und Autoren. Das Buch fiel zwischen Tisch und Bank. Leider. Die junge, äusserst talentierte Autorin verbrachte ein paar Monate in der Mongolei und ihrem rasant zu lesenden Roman gelingt extrem vieles: Einerseits spürt man schon von der ersten Seite weg, dass da die Autorin die Mongolei nicht als Folie benützt, um eine beliebige Geschichte zu erzählen. Petra Hulová lässt in ihrem eindrücklichen Roman drei Mongolinnen zu Wort kommen, und erzählt davon, wie diese ihr Leben meistern zwischen Freiheit und Sinnlichkeit, Alltag und Traum. Ein Roman, der sprachlich den weitgespannten Bogen der Geschichte mühelos einzufangen vermag und die geschilderten Personen lebendig werden lässt. Das Buch ist leider vergriffen – im Bücher-Fass finden Sie noch eines als Trouvaille an Lager.
Petra Hulová: Kurzer Abriss meines Lenbens in der mongolischen Steppe. Sammlung Luchterhand, 299 S., Fr. 16.90

Tag  36 – Zäh hält sich das dumme Huhn im Volksmund. Und vielleicht sollten wir auch einmal darüber hinwegkommen und neue, treffendere Bilder dafür zu finden.
Damit Sie sich mental einmal darauf einstellen können, möchte ich auf die Ausstellung im Museum zu Allerheiligen hinweisen, die der stv. Direktor, Dr. Urs Weibel, initiiert und eingerichtet hat. Die Eröffnung soll nun statt im März im Herbst stattfinden – und sie wird einige Höhepunkte zeigen. Dazu vorerst nur so viel: Hühner sind nicht a priori so strohbohnendumm, wie man meint. Das bestätigt Ihnen jede Tierverhaltensforscherin.
Das Huhn, das vom Fliegen träumteEin märchenhaft schönes Buch zum Huhn und zu Gott und die Welt legte die Koreanerin Sun-Mi Hwang schon vor zwanzig Jahren vor, erstmals in Deutsch beim Schweizer Verlag Kein & Aber 2014: „Das Huhn, das vom Fliegen träumte“. Ich gestehe, dass ich das Buch bis vor ein paar Wochen ignoriert habe, obwohl es seit sechs Jahren zu Hause auf dem Stapel der zu noch lesenden Bücher gelegen hat.
Sprosse nennt sich selbst das auf den ersten Blick bedauernswerte Geschöpf, das einfach nur Eier legt, die wegrollen in eine hölzerne Rinne und dort vom Eier produzierenden Bauern mühelos eingesammelt werden. Sprosse ist ein Käfighuhn, das jenseits tiergerechter Haltung seine Eier legt. Es träumt immer wieder: vom Leben in einem offenen Hof, von einem Güggel bewundert zu werden, frei zu sein. Eines Tages wird sie vom Bauern mit anderen eingesammelt, weil sie zu schwach und krank ist, um sie noch als Suppenhuhn verwerten zu können. (Ich wähle bewusst mit der Autorin diese Worte.) Sprosse wird mit andern, schon verendeten Legehennen in eine Grube gekippt.  Das schlaue Wiesel entdeckt darauf das noch lebende Huhn und umkreist mir funkelnden Augen die Grube. Gegenüber nimmt der mutige wilde Erpel Streuner die Gefahr wahr und es gelingt ihm das erschöpfte Huhn zu retten. Nun beginnt erst so richtig die Geschichte um Freiheit, Liebe, Leben und Tod. Sprosse kämpft sich durch, ängstigt sich, ist traurig, alt und zu mager für das Wiesel. Streuner hingegen wird später Opfer des räuberischen Wiesels. Ein hochdramatisches Buch, das ich gerne gelesen habe, obwohl Sie mir das vielleicht nicht zutrauen. Ein Buch, prädestiniert, es Kindergärtnern zu erzählen und eines, das alle ab 14 – 99 Jahren gerne lesen mögen. Ein Buch auch für die heutige Zeit:  Ein einfaches, schönes, beeindruckendes Buch, das bei aller schlimmer Realität auch Zuversicht verspricht.
Sun-Mi Hwang: Das Huhn, das vom Fliegen träumte. Verlag Kein & Aber,  Roman, TB , 160 S.,  Fr. 16.–;  ISBN 978-3-0369-5991-7

Tag 35 – Vielleicht verbrachten Sie lesend einige ruhige und ereignisreiche Tage mit dem Autor Fabio Andina und seinem Protagonisten Felice in Leonticavgl. Tag 24 – und brechen nun auf nach Norden, folgen den Brenno flussaufwärts nach Olivone und Campo Blenio; nach dem Stausee Lago di Luzzone steigt der Weg bald steil an. Beim Crap da Crusch dann, auf 2259m überqueren Sie Kantonsgrenze zu Graubünden und steigen sanft ab in die Hochebene und zum Hochmoor der Greina. Dieser ausserordentlichen, geschützten, Landschaft widmet die Fotografin Anne Gabriel-Jürgens einen eindrücklichen Bildband. Von den 500 nummerierten Exemplaren seien nur noch zwanzig lieferbar; im Bücher-Fass steht das Exemplar 217. Für mich offenbart der Band eindrücklich, wie schwierig es ist, in einem Buch Landschaften zu zeigen: Wer die Greina kennt, wird die eigenen Bilder im Kopf wieder zum Leben erwecken; für den, der sie nicht kennt, wirken sie, obwohl Farben und Bildausschnitte stimmen, etwas beliebig. Was den Band jedoch wirklich auszeichnet ist das Kapitel Individuum. Da proträtiert die Fotografin elf Personen in s/w, und lässt sie in einem eigenen Text zu Wort kommen. Der Schriftsteller, Philosoph und Jäger Leo Tuor zum Beispiel meint: „Doch der erste Mensch, der die Greina sah, war Jäger – nicht Tourist. Trotzdem stören die 20 000 Besucher ohne Bezug zur Greina offenbar weniger als ein bis zwei einheimische Jäger.“ Dazu empfehle ich Ihnen vom Autor aus dem Val Sumvitg  gerne noch die Erzählung „Cavrein“.
Anne Gabriel-Jürgens: Greina; Transhelvetica, o.Pag., Fr. 65.–
Leo Tuor: Cavrein; Limmat Verlag, br., 96 S., Fr. 24.80

Tag 34 – Viele Reisepläne fallen dieses Jahr dem Corona Virus zum Opfer, auch ich verschiebe mit meiner Tian Shan Tours alle Touren um ein Jahr. Dies scheint mir vernünftig. Ungefährlich, packend, oder zum Träumen anregend sind und bleiben weiterhin Reiseberichte/Reisebücher. In der NZZ vom vergangenen Samstag werden dazu einige Beispiele genannt, die Sie zum Schluss als pdf. nachlesen können.
Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802Im Weiteren empfehle ich Ihnen gerne noch dazu: Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ und Ella Maillarts „Verbotene Reise“.
Zwischen 1786 und 1788 liegt der Italienaufenthalt, die Goethe in seiner berühmten „Italienischen Reise“ beschreibt, die er allerdings erst Jahre (1813-1817) nach Tagebuchaufzeichnungen niederschrieb. Italien war zu jener Zeit schon ein Sehnsuchtsort vieler Künstler und Autoren; so begab sich auch 1801 der deutsche (Reise-)Schriftsteller J.G. Seume auf eine Reise in den Süden, nach Syrakus in Sizilien. Sein bald darauf erschienener Spaziergang, er legte in der Tat die 7000 Kilometer weitgend zu Fuss zurück, könnte man als ersten modernen kulturhistorisch-politischen Reisebericht charakterisieren; er ist subjektiv, volksnah, kritisch. 1985 erschien das Buch als dritter Band der jetzt schon legendären „Die Andere Bibliothek“, damals noch in Blei bei Drucker Greno gesetzt. Obwohl natürlich auch Seume einige Namen erwähnt, die wir heute kaum mehr kennen, liest sich sein Buch erstaunlich frisch.
Verbotene ReiseElla Maillart bricht 1935 mit dem vier Jahre jüngeren Engländer Peter Fleming, ein Bruder übrigens von Ian Fleming, dem Erfinder von 007 James Bond, in Peking auf, um auf dem Landweg, mit der Eisenbahn, mit Lastwagen, zu Pferd und mit Kamelen, über Sinkiang nach Pakistan zu reisen. 1938 erscheint die deutsche Erstausgabe bei Rowohlt. Ella Maillart erhebt nie den Anspruch, literarische Reieerzählungen zu schreiben; sie notiert vielmehr genau beobachtend den Verlauf der Reise, beschreibt Menschen, denen sie begegnet und schildert deren Tätigkeiten und wie sie leben. Ella Maillart ist keine Forschungsreisende, die wissenschaftlichen Ruhm sucht, sie ist keine Reisende, die primär das Abenteuer suchte oder ihre sportliche Fitness hervorzuheben; die Schweizer Seglerin und Fotografin aus Genf, die 1997 in Chandolin (VS) gestorben ist, bereiste die Welt, um diese zu verstehen und um uns Leserinnen und Leser davon zu berichten. Mit ihren Büchern reisen wir auf Augenhöhe mit, auch wenn wir dazu vielleicht nicht den Mut gehabt hätten. Peter Fleming übrigen hat über dieselbe Reise auch ein Buch geschrieben, letztmals ebenfalls in der Anderen Bibliothek erschienen, ein Buch, das sich ebenfalls spannend liest und einem doch eindrücklich demonstriert, obwohl vom Autor ganz anders intendiert, wie überheblich Männer damals ihre weiblichen Mitreisenden betrachteten.
Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus 1802; dtv, 416 S., Fr. 19.50
Ella Maillart: Verbotene Reise; Lenos Verlag, geb., 320 S., Fr. 30.–
ISBN 978-3-85787-342-3; auch als Lenos Taschenbuch für Fr. 23.–
Und die Tipps aus der NZZ vom 18.4.2020:
Neue_Zürcher_Zeitung_20200418_Seite_48

Wo ist Walter?Tag 33 – Vor 33 Jahen gab es Wikipedia noch nicht und auch nicht Google. Und neue Bücher wurden nicht elektronisch über ein System, das VlB-TIX heisst angepriesen, das von uns Buchhändlern je länger je mehr verlangt, Neuheiten durch stundenlanges Starren in den Bildschirm wahrzunehmen, sondern Vertreter besuchten die Buchhandlungen. So auch Walter Goldsmith; seine prall gefüllten, schweren Ledertaschen führte er dabei jeweils fast schon spielerisch auf einem umgebauten Rotraut Susanne Berners Frühlings-Wimmelbuchsoliden Trotinett mit. Walder Goldsmith reiste u.a. für den generationenalten Sauerländer Verlag aus Aarau, bekannt für Jugend- und Kinderbücher. Er ist schon seit einigen Jahren pensioniert und der  Sauerländer Verlag hat seine Aktivitäten auch schon vor Jahren eingestellt. Geblieben aus jener für mich noch goldenen Zeit ist das erste Wimmelbuch: „Wo ist Walter?“, das heute noch immer gefragt ist und millionenfach verkauft wurde.
Rotraut Susanne Berner ist eine deutsche Grafikerin und Buchillustratorin, die den Wimmelbüchern einen weiteren Kick gab – aktuell zur Jahreszeit zum Beispiel mit dem „Frühlings-Wimmelbuch“. Hier stimmt ja fast gar nichts!Illustrationen von ihr finden sich zu Büchern von Franz Hohler, Hans Magnus Enzensberger, Jürg Schubiger und vielen anderen mehr.
Nun erweitert Ralf Butschkow das Wimmelsortiment mit seinem Sammelband „Hier stimmt ja fast gar nichts“. Die Protagonistin heisst Lisa und in ihrem Alltag geht es doch ziemlich drüber und drunter; da gibt es Taucher im Sandkasten und Hündchen, die ihre Herrchen Gassi führen und und und. Das überbordet für meinen Geschmack doch ab und zu, doch die Kinder, die sich ins Buch vertiefen, sind ob den absurden Streichen und unmöglichen Begebenheiten total fasziniert. Ein Bilderbuch, das Kindern erlaubt, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. (ab 4 Jahren).
Martin Handford: Wo ist Walter. Fischer Verlag/Sauerländer, geb., 32 S., Fr. 23.80  ISBN 978-3-7373-6021-0
Susanne Rotraut Berner: Frühlings-Wimmelbuch; Gerstenberg Verlag, Pappbd. unzerreissbar, 16 S., Fr.  16.90
ISBN  978-3-8369-5057-2
Ralf Butschkow: Hier stimmt ja fast gar nichts; Baumhaus Verlag, geb, 96 S., Fr. 16.50  ISBN  978-3-8339-0320-5

Die sterbenden EuropäerTag 32 – Kennen Sie das Volk der Aromunen? Die Ethnie mit eigener Sprache lebt ohne je einen eigenen Staat gebildet zu haben noch heute in Südost-Europa: Rumänien, Bulgarien, Nordgriechenland, Albanien. Der aus Salzburg stammende Karl-Markus Gauss hat ihnen, neben ein paar anderen europöischen Aussenseitern in seinem Buch schon 2001 erschienenen Buch „Die sterbenden Europäer“ ein Kapitel gewidmet. Im schon 2014 aufgelegten Band „Lob der Sprache, Glück des Schreibens“ nimmt der glänzende und gleichwohl engagierte Stilist das Volk der Aromunen nochmals auf und zeigt auf, was die Europäische Union daraus lernen könnte und auch sollte, wenn sie eine Zukunft haben möchte. Der Band Lob der Sprache, Glück des Schreibensversammelt einige Bravourstückchen. Der Kasache zum Beispiel, wo der Autor von einer Zugfahrt erzählt,  wo ihm ein muskulöser, kahlrasierter und erst noch tätowierter junger Mann gegenüber gegenübersass, den er, Gauss, nach längerer Zeit, mit etlichem Widerwillen gegen seine eigene aufkeimende Fremdenfeindlichkeit, als Kasachen identifizierte. In Sankt Pölten stürmte dann plötzlich die Polizei ins Abteil und forderte vom Fremden die Ausweispapiere – und nun lesen Sie selber weiter. Eine andere, ebenfalls seltsame, Geschichte stammt aus der Welt der Profi-Tennisspieler. Da gab es in den 90er-Jahren einen Top-Ten-Spieler namens Jim Courier, der jeweils beim Seitenwechsel nach zwei Games nicht etwa isotonische Getränke zu sich nahm oder an einer Banane knabberte, sondern neunzig Sekunden lang in einem Buch las, was auf dem Tenniscourt gar nicht gut ankam und einmal gar als Unsportlichkeit geahndet wurde. Fulminante Miniaturen für alle, denen die Geduld auch in heutiger Zeit der Langsamkeit fehlt.
Karl-Markus Gauss: Die sterbenden Europäer; Zsolnay, kt.,  236 S., Fr. 28.90; ISBN 978-3-552-05827-9
Karl-Markus Gauss: Lob der Sprache, Glück des Schreibens; Otto Müller Verlag, geb. 170 S., Fr. 26.90; ISBN 978-3-7013-1214-6

Tag 31 – Der 1763 gegründete Verlag C.H. Beck, immer noch ein Familienbetrieb, pflegt neben den für ihn wichtigen Bereichen Recht und Wirtschaft auch ein anspruchsvolles Sachbuchprogramm mit einem Schwerpunkt Geschichte/Zeitgeschichte und seit über zwanzig Jahren auch einem kleinen Literaturverlag. Weltanschaulich betrachtet steht der Verlag im Ruf, solid wissenschaftlich, oder je nach politischem Standort, konservativ bis liberal, ausgerichtet zu sein. Wie auch immer: Ich schätze das Programm des Verlages so sehr wie jenes von Suhrkamp. Zum Geschichte der VölkerwanderungBeispiel den 1532 Seiten starken Band von Mischa Meier mit seiner akribischen Arbeit „Geschichte der Völkerwanderung . Europa, Asien und Afrika vom 3. bis 8. Jahrhundert n. Chr.“ Mischa Meier lehrt Alte Geschichte an der Eberhard Karls Univeristät in Tübingen und sein unglaublich faktenreiches Buch über eine Zeit, die im Geschichtsunterricht im Gymnasium als dunkle Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters im besten Fall kurz erwähnt wird, wird wohl für längere Zeit  ein Referenzwerk zu diesem Geschichtsabschnitt bleiben. Das furchterregend gewichtige Buch nimmt einen jedoch sprachlich federleicht mit auf eine Reise durch eine Zeit Europas, die nur spärlich dokumentiert ist. Erste Sätze bestimmen oft Erfolg und Misserfolg eines Buches, dieses beginnt, in meiner Lesart, fulminant: “ Angst hielt die Bevölkerung der Kaiserresidenz umklammert, als sie unter dem warmen Licht der hochsommerlichen Morgensonne erwachte.“ Wer den langen Atem hat und das Interesse an einer Zeit, die noch heute in die unserige leuchtet, wird atemlos weiterlesen. Der Band übrigens ist in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung erschienen: Bücher mit herausragender geisteswissenschaftlichen Forschungsleistungen, die zudem entsprechend in Leinen gebunden daherkommen.
Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung; C.H. Beck Verlag, Ln., Fr. 78.– ISBN 978-3-406-73959-0

Tag 30 – Wer des Schwedischen nicht mächtig ist, hat bis zu Beginn dieses Jahres mit höchster Wahrscheinlichkeit noch nie den Namen Das Evangelium der AalePatrick Svensson vernommen. Der Autor geht auf die fünfzig zu, studierte Sprachen und Literatur und arbeitet für eine schwedische Tageszeitung. „Das Evangelium der Aale“ ist sein erstes Buch – und was für eines! Umschlag und Schmutztitel nennen keine Gattung; ist es ein Sachbuch, ein Roman, eine Autobiografie, ein Essay? Es liest sich wie ein Roman und man erfährt so viel wie in einem Sachbuch.
Der Aal ist für die wenigsten ein Kuscheltier, Gourmets schätzen ihn im Teller und Naturliebhaber sind fasziniert von diesem Tier, von dem noch manches ein Geheimnis ist. Aristoteles meinte, so erfährt man auch im Buch, dass der Aal aus dem Schlamm entstehe – und der Grieche verstand es, die Natur zu beobachten. Doch er sah nur einen, den ihm zugänglichen Teil der Entwicklung.
Klein wie ein Weidenblatt und durchsichtig treibt der junge Aal von der Saragossasee im nordwestlichen Atlantik mit den Meeresströmungen nach Europas Flussmündungen. Da färbt er sich gelb und wird grösser und kräftiger, schwimmt die Flüsse hoch und verfärbt sich abermals in grau bis schwarz. Da versteckt er sich in Flusshöhlen, in Schlammlöchern und überlebt auch Dürrezeiten. Nach Jahrzehnten, warum weiss man nicht, nimmt er den weiten Weg zurück zur Saragossasee, laicht und stirbt. Ein Aal kann bis 70 Jahre alt werden.
Der Autor war mit seinem Vater oft unterwegs um Aale zu fischen. Aus dieser Kindheitserfahrung ist ein grosses Buch entstanden.
Patrick Svensson: Das Evangelium der Aale. Hanser Verlag, geb., 253 S., Fr. 29.50  ISBN 978-3-446-26584-4

Die Hängenden Gärten von BabylonTag 29„Die Hängenden Gärten von Babylon.“ Bei einem Buchtitel wie diesem beginnt es wohl bei einigen Leserinnen und Lesern im Gedächtnis zu rotieren: Zählen diese denn nicht zu den sieben Weltwundern, von denen die meisten allerdings und vielleicht auch konkret nur noch ein weiteres kennen, weil es als einziges noch steht – Die Pyramiden von Gizeh in Ägypten? Man mag sich auch fragen, weshalb ein Garten als Weltwunder in die Liste der ersten Sehenswürdigkeiten der westlichen Welt aufgenommen wurde, sind doch Gärten per se nicht wirklich über Jahrhunderte gleichermassen  präsent.
Unter den persischen Gärten, die zum Weltkulturerbe der UNESCO zählen, wird auch der Garten beim Grabmal des altpersischen Achämenidenkönigs Kyros II in Pasargadae gerechnet.  Das für mich persönlich beeidruckendste Grabmal, das ich kenne. Allein, vom ehemaligen Garten sieht man heute nur noch Mauerreste. Babylon also, zur Zeit von Kyros eine mächtige Stadt und gleichwohl auch im Alten Testament. Von den „hängenden Gärten“ liest man jedoch bei den alten Steinrunen der Perser nichts und auch nichts in der Bibel.
Stefan Schweizer, geb. 1968, studierte u.a. Kunstgeschichte und ist einer, der sich lieber bedeckt hält. Sein bei Wagenbach soeben erschienenes Buch ist bei Weitem nicht nur ein Buch für Archäologen; die hängenden Gärten von Baylon sind für ihn vielmehr Anfang einer Geschichte von Architektur und Gartenbau. Ein Buch für Spezialisten? Ja, gewiss. Aber auch ein gut lesbarer Band für alle, die sich fragen, was für eine Bedeutung denn Gärten heute für uns haben: privat, städtebaulich, kulturell, touristisch, auch ökologisch. Ein Buch mit gewissem luxuriösen Charakter, ein Buch aber auch, das gerade in heutiger Zeit helfen könnte, neue Lebensperspektiven ernsthafter zu überlegen.
Stefan Schweizer: Die Hängenden Gärten von Babylon. Vom Weltwunder zur grünen Architektur., Grossbroschur, Wagenbach, 238 S., Fr. 36.–

Tag 28 – Jakob Walter, Präsident der Naturforschenden Gesellschaft Schaffhausen (NGSH) freut sich in seinem Vorwort des aktuellen Neujahrsblattes, dass mit Iwan Stössel-Sittigs Geologie der Region Schaffhausen nach über 40 Jahren endlich ein würdiger Nachfolger des längst vergriffenen „Geologieführer(s) der Region Schaffhausen“ von Franz Hofmann und Hans Hübscher vorliege. Der ehemalige Kantonale Fischaufseher und sowohl versierte wie auch scharfzüngige Naturwissenschafter freut sich mit Recht – auch wenn es ein kleines Einerseits gibt: Der promovierte Erdwissenschafter der ETH Zürich, einst Kurator der Naturkundlichen Abteilung des Museums zu Allerheiligen und seit 2007 Mitarbeiter am Interkantonalen Labor Schaffhausen, legt eine solide Arbeit vor, ausgezeichnet auch illustriert. Wir folgen Iwan Stössel über Jahrmillionen und begreifen ganz schnell, dass Geologie oder Erdwissenschaften eine Hochschuldisziplin ist, die einiges an Vorwissen voraussetzt. So resümiert das knapp 100 Seiten starke und didaktisch gut aufbereitete, farbig bebilderte Heft, die wissenschaftlichen Kenntnisse bis in die neuste Zeit. Allerdings möge man sich vom anmächeligen Titelbild nicht blenden lassen: Wer keine gymnasialen oder gar akademischen Vorkenntnisse mit im Rucksack hat, kaut an den hundert Seiten wie wenn es zweihundert wären. Mit beträchtlichem Wissenszuwachs allerdings.
Dagegen verhält sich das Vorgängerbuch fast schon etwas volkshochschulmässig. Die beiden Ausgaben liegen vor mir, und wenn ich bei Hofmann/Hübscher lese, dann lese ich eine erdwissenschaftliche Erzählung, bei Iwan Stössel ist es mehr ein luzider Forschungsbericht. Für meinen bescheidenen Teil bin ich ganz glücklich, dass ich das Neujahrsblatt der NGSH 72/2020 mit dem Hintergrund des alten Geologieführers zu meiner geologischen Fortbildung auch geniessen kann.
Iwan Stössel: Geologie der Region Schaffhausen; br., 104 S. (mit ausfühlichem Literaturverzeichnis), Fr. 24.–
Franz Hofmann/Hans Hübscher: Geologieführer der Region Schaffhausen, Rotary Club SH/Verlag Meier (1977); br., 137 S.,  schon lange vergriffen.

Ein Mädchen nicht von dieser WeltTag 27 – „Erinnerung ist nicht automatisch Literatur“, das sagt einer, der davon durchaus hätte Kapital machen können: Aharon Appelfeld. Dass seine Romane Literatur sind, ja gar Weltliteratur, das bezeugen andere. Appelfeld wurde 1932 in der Nähe von Czernowitz geboren, sprach mit seinen Eltern Deutsch, den Grosseltern Jiddisch und auf der Strasse Ukrainisch. Als er nach einer Odyssee, in Wäldern lebend, oder dann als Küchenbursche bei der Roten Armee 1946 in Palästina von Bord ging, war er eigentlich Analphabet; nur ein oder zwei Jahre lang hatte er eine Schule besucht. Er lernte Neuhebräisch und lebte bis zu seinem Tod 2018 in Israel.
Vor fünf Jahren las ich erstmals ein Buch des Mannes, von dem der amerikanische Autor Philip Roth in seinem Roman Operation Shylock sagte: „…er ist ein untersetzter, brilletragender, kompakter Mann mit vollkommen rundem Gesicht…“: Ein Mädchen, nicht von dieser Welt“. Der kurze Roman wird allen, die ihn gelesen haben, für Jahre in Erinnerung bleiben. Er erzählt davon, wie sich zwei Jungen und ein Mädchen und ein Hund in den Wäldern vor den Nazis verstecken – es ist in gewisser Weise auch Aharons Geschichte. Allein: Appelfeld legt Wert darauf, dass er nicht aus der Erinnerung schreibt: Die Geschichte, das Schicksal, das ihm widerfahren sei, stecke in seinen Poren und Zellen, jedoch nicht in seinem Gedächtnis, denn zu jener Zeit habe er die Worte dafür noch nicht gekannt.
Dissidentisches DenkenWie auch immer: Marko Martin, ein 1970 in der damaligen DDR geborener und aufgewachsener Journalist und Schriftsteller, geht in seinem neusten Buch Dissidentisches Denken 22 Männern und Frauen nach, die sich in ihrem Danken und Handeln gegen totalitäre und diktatorische Regimes gewendet haben. Einer von ihnen ist Aharon Appelfeld. Evident in Martins Essays oder Reportagen wird, dass im Westen von Dissidenten gesprochen wird, wenn es sich um Regimegegner handelt; zu kurz kommt bei dieser Sicht, dass diese Dissidenten aber auch im Westen einen klaren Blick behalten und nicht einfach zu Apologeten westlicher Regierungssysteme werden. Diese nannte man bei uns schlicht Kommunisten und wünschte sie in Stalins Lager. Die Dissidenten aus Osteuropa oder anderen kommunistischen Staaten oder Diktaturen werden bei uns, sind sie erst einmal da, oft totgeschwiegen. Vor allem, wenn sie sich dann auch im ExilStö liberal oder kritisch oder utopisch äussern. Marko Martins Buch ist eine Fundgrube zu ein paar ausgewählten aussergewöhnlichen Intellektuellen, die nicht das Rampenlicht, sondern nur den aufrechten Gang gesucht – und hin und wieder – auch gefunden haben.
Aharon Appelfeld: Ein Mädchen nicht von dieser Welt. Herausragend übersetzt von Mirjam Pressler, Rowohlt, Ppb., 125 S., Fr. 22.–
Marko Martin: Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters. Die Andere Bibliothek Bd. 415, geb., limit. Auflage von 4444 Ex.. Fr. 55.–

Picknick mit BärenTag 26Picknick mit Bären heisst eine Filmkomödie mit Robert Redford in einer der Hauptrollen. Da machen sich zwei Oldies auf den 3500 km langen Appalachian Trail, weil ihnen das Rentnerleben zu langweilig ist. Cineastisch kein Streifen mit fünf Sternen, doch mit einem äusserst bemerkenswerten Dialog.
Sagt der eine zum andern: „Warum weiss Du so viel?“
Der andere: „Ich lese. Es gibt Bücher, die sind wie Fernsehen für kluge Leute.“
Voilà!
Die Vorlage zum Film ist ein Buch des Wissenschaftsjournalisten und Reiseschriftstellers Bill Bryson, der seine Reise unter demselben Titel als schon in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts veröffentlich hatte. Das Buch soll demnächst wieder in 23. Auflage auch bei Goldmann wieder aufgelegt werden.
Wer sich etwas intensiver mit der Wanderbewegung und den langen Trekkings in den USA beschäftigen möchte, dem sei wärmstens auch ein Buch von John Muir (1838 – 1914) empfohlen: Die Berge Kaliforniens – ein Wander- und Reisebuch der ersten Stunde.

Bill Bryson: Picknick mit Bären; Goldmann TB, 343 S., Fr. 14.–
John Muir: Die Berge Kaliforniens, Naturkunden bei Matthes & Seitz, Ln., 352 S., ca. Fr. 47.–

Tag 25 – Vor einem Jahr rezensierte René Scheu, seit 2016 Leiter des Feuilletons der NZZ, in einer luziden Schau die damals erschienene Der Ruf der Horde„intellektuelle Autobiografie: Der Ruf der Horde“ des Peruaners Mario Vargas Llosa und er charkterisierte den Literaturnobelpreisträger von 2010 als „Gentleman des klassischen Liberalismus“. Der Band versammelt unakademisch geschriebene Essays zu bedeutenden Denkern des Liberalismus: Adam Smith, Ortega y Gasset, Karl Popper etc. Vargas Llosa hält mit zum Teil saloppen Urteilen nicht hinter dem Berg und immer wieder möchte man ihm zurufen: Einhalt! Obwohl vieles vereinfacht dargestellt wird, gelingt ihm etwas: Man möchte mehr darüber wissen!
Nun ist nach längerer Zeit wieder ein umfangreicherer Roman erschienen: „Tiempos recios“ oder in deutscher Übersetzung, bei Suhrkamp, „Harte Jahre“. In der jüngsten Beilage „Bücher am Sonntag“ der NZZ kanzelte die neue Redaktonsleiterin Martina Läubli in der Kurzrubrik „Bücher, die Sie sich sparen können“ den Titel schonungslos ab: „Diesem Buch fehlt jede Farbe, jeder erzählerische Schwung. Stattdessen … langfädige Erklärungen und sprachliche Klischees.“ Starker Tabak, obwohl ich durchaus der Meinung bin, dass Rezensionen nicht einfach nur verkappte Werbetexte sein sollten.
Harte JahreVargas Llosa nimmt in seinem neuen Roman ein historisches Ereignis auf: Im Juni 1954 wurde der drei Jahre zuvor mit 65% der abgegebenen Stimmen demokratisch gewählte Präsident Jacobo Árbenz Guzmán, sein Vater wanderte aus Andelfingen/ZH nach Guatemala aus, von einer von der CIA orchestrierten Militäraktion aus dem Amt geputscht. Árbenz versuchte eine moderate Landreform umzusetzen, was den Grossgrundbesitzern und der United Fruit Company, die eine Monopolstellung im Bananenhandel inne hatte, zuwider lief. Der Putsch änderte das politischer Klima in Mittel- und Südamerika radikal und führte da und dort zu blutigen Bürgerkriegen, die allein in Guatemala selber bis 1996 über 100’000 Opfer forderte. „Harte Jahre“ lässt uns heutige LeserInnen diese eigennützige, kurzsichtige politische und soziale Weichenstellung der USA mitverfolgen. Da wird kein sozialistischer oder gar marxistischer Präsident militärisch von den USA weggeputscht; Vargas Llosa zeigt, dass auch liberale bürgerliche Politiker nicht gefeit sind vor kapitalistisch-wirtschaftlichen Interesseverbänden. Dass das Buch stilistisch vielleicht nicht ganz mit den ganz grossen Romanen des Peruaners mithalten kann, verzeihe ich ihm gerne.
Der zeitgenössische Roman dazu ist von Miguel Angel Asturias: Der Sturm, erschienen 1950. Asturias erhielt 1967 übrigens auch den Literaturnobelpreis. (Leider vergriffen)
Vargas Llosa: Der Ruf der Horde. Eine intellektuelle Autobiografie. Suhrkamp Verlag, geb. 314 S., Fr. 33.–
Vargas Llosa: Harte Jahre, Roman. Suhrkamp Verlag, geb. 411 S.,
Fr.  33.–

Tag 24 – Es ist erfreulich, dass gleich zwei Schweizer Verlage, die in ihren Gründungsjahren vor allem als politisch engagierte Verlage mit Publikationen zur sozialen Gerechtigkeit, gegen AKW’s, Fichen- und Bankenskandale für die alternative und linke Szene der Schweiz wichtige Publikationspfeiler waren, sich heute auch für die Ränder des belletristischen Schaffens unseres Landes einsetzen. Einen Tage mit FeliceSchatz gehoben hat Verlegerin und Lektorin Daniela Koch vom Rotpunktverlag mit einem Roman des Tessiners Fabio Andina: „Tage mit Felice“. Der Roman des 1972 in Lugano geborenen Autors, der in San Francisco Drehbuch und Filwissenschaften studierte und nun wieder im Malcantone lebt, handelt im Bleniotal. Felice ist ein neunzigjähriger Blenese, der noch den eigenen Dialekt spricht und in einem Steinhaus wohnt: ohne Fernseher, Radio, Mobile und auch ohne Briefkasten. Er heizt und kocht noch  mit Holz, lebt bescheiden und hat eine pointierte Sicht auf die Welt: „Die Politik ist eine einzige grosse Sauerei, …, und die Welt ist in der Hand von lauter Halunken.“ Ein Ich-Erzähler begleitet den alten Mann ein paar Tage und lernt so seinen Tagesablauf und seine Welt kennen. Fabio Andina geht dabei behutsam vor und bleibt ganz nah an täglichen Beobachtungen. So kommen wir als LeserInnen auch langsam an im Bleniotal, das mir bis anhin ziemlich fremd war. Fabio Andina macht einen Schritt für Schritt bekannt mit dem Tal, so dass ich eine Karte der Landestopografie suchte, um die Alpi, die Pässe, die Dörfer, die Bäche und Flüsse zu lokalisieren. Und sie sind alle da und man sieht das milde Herbstlicht und riecht das Feuer mit den langsam röstenden Marronis und mit Felices Geschichte erfährt man von den Schicksalen eines Tales: von Freude, Lust, Trauer, Leid und davon, dass der Erzähler des Buches auch den nächsten Tag mit Felice verbringen darf, wenn ihm, Felice, in der Nacht „nicht die Batterie ausgeht, amen.“ Tage mit Felice ist das erste Buch Andinas, das in deutscher Sprache erscheint – und es ist ein Stück Schweizer Literatur, wie ich es seit vielen Jahren nicht mehr gelesen habe: den Menschen in einer Randregion verpflichtet, schnörkellos und doch poetisch – grossartig und stimmig übersetzt von Karin Diemerling.
Fabio Andina: Tage mit Felice. Roman. Rotpunktverlag/Edition Blau, geb., 235 S., Fr. 28.–

Tag 23 – Wie düster ballen sich die Wolken um den Literaturbetrieb? Gemäss Rainer Moritz in der NZZ von heute ziemlich schwarz: Minus 90% heisst die Zahl. Allein, die Suppe wird nie so heiss gegessen, wie sie gekocht wird.
Das Buch, gedruckt auf Papier, wird Bestand haben. Überzeugt davon bin ich seit mir mein Reallehrer (heute Sekundarlehrer) Albert Stamm, auch Bibliothekar vom GEGA-Schulhaus, in den 60-er Jahren Bücher empfohlen hat, die ich verschlungen habe – und die mir zudem einen ersten Blick auf die damals aktuelle Weltgeschichte erlaubten. Da, vor gut achtzig Jahren gab es in England einen begabten Vielschreiber, den heute niemand mehr kennt: Captain W. E. Johns. Er schrieb wohl über hundert Romane, viele von ihnen hatten das British Empire mit seinen Krisen und Kriegen zm Thema. Geblieben ist mir und kürzlich gelesen hab ich auch nochmals: „Biggels in Indien“, Biggles in the Orien (1945), Bd. 30, dt., o.J. vor 1953. Da wird Staffelsführer Biggelsworth mit seiner Crew nach Indien beordert, um eine misteriöse Sabbotageaktion innerhalb der Royal Air Force zu klären. Zeitlich steckt man im zweiten Weltkrieg, die Briten kämpfen im Fernen Osten gegen japanische Truppen, die mit Hitler-Deutschland verbunden sind, in China und, und, und. Das Jugendbuch ist aufgebaut wie ein Krimi, mit zum Teil haarsträubenden Vorurteilen gegenüber Asiaten, die heute so nie mehr toleriert würden. Allein: Ich habe davon weder einen ideologischen noch sonst einen Schaden davon getragen.
Die WanzeKurz: Es gibt die pädagogisch wertvollen Jugendbücher und – viel mehr und wohl beliebter auch – diejenigen, von denen ich behaupten würde: Schade fürs Papier. Bedenken möge man jedoch: Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche Bücher lesen und sich für Geschichten begeistern lassen. Mein Tipp: Wenn Ihre Kinder lesen, überlassen Sie die Auswahl ihnen.
Trotzdem mein aktueller Tipp: Neu aufgelegt wurde wieder der Insektenkrimi von Paul Shipton: Die Wanze. Im Garten befinden sich eben nicht nur Nützlinge, sondern auch Schurken; da kommt die Wanze Muldoon, ein Käfer, genau richtig, um für Ordnung im Biotop zu sorgen. Locker und spannend geschrieben, legt das Buch schon eine erste Fährte, die die jungen LerserInnen für spätere Kriminalromane    Spitze. (ab 8/9 Jahren).
W.E. Johns: Biggels in Indien, Hallwag Verlag, vor 1953, längst vergriffen
Paul Shipton: Die Wanze. Fischer Taschenbuch, Fr. 12.80
ISBN 978-3-596-80238-8

Tag 22 – Bezüglich Literatur ist China ist eine terra incognita, oder vielleicht präziser: Mir, als Buchhändler, scheint, dass chinesische Autorinnen und Autoren bei uns eigentlich nicht wahrgenommen werden. Schade, denn wir könnten, auch ganz individuell, viel von einigen absolut ausserordentlichen Büchern zehren. Zum Beispiel von Yiyun Li, die 1972 in Peking geboren wurde und seit 1996 in den USA lebt. Halten Sie bitte allfällige Reflexe wie: das ist ja gar keine richtige Chinesin mehr und die schreibt wohl nur antikommunistischen Kitsch, im Zaum. Ihr Roman „Die Sterblichen“ blendet zurück auf die Jahre der Kulturrevolution, der bis ins Jahr 1979 reicht und absolut packend und glaubwürdig und ergreifend ein Stück Geschichte erzählt, die sonst nirgendwo mehr vernehmbar ist. Eines meiner Lieblingsbücher der Autorin ist jedoch der Roman mit autobiographischen Anleihen: „Lieber Freund, aus meinem Leben schreib ich dir in deines“.  Da lohnt es sich schon einmal, den Titel genau zu lesen. Die Protagonistin des kleinen Romans lebt in den USA und beschliesst, ihr Studium der Naturwissenschaften zugunsten der Literatur aufzugeben. Ihr Grund: eine tiefe persönliche Krise. Die Autorin öffnet mit ihrem Buch, das sich einfach lesen lässt, aber viele Anspielungen auf Literatur und Wissenschaft bereit hält, das weite Feld, das sich einem öffnet, der nahe einer Depression steht. Und es macht Hoffnung, dass Literatur und lesen den schwarzen Hund Depression ab und zu an die Leine nehmen kann. Schlicht ein grossartiges Buch.
Yiyun Li: Die Sterblichen. Roman, Hanser Verlag, geb. 379 S., Fr. 31.–
ISBN 978-3-446-23421-5
Yiyun Li: Lieber Freund, aus meinem Leben schreibe ich dir in deines; Roman; Hanser Verlag, Edition Akzente, br. , 203 S., Fr. 30.–
ISBN 978-3-446-25827-3
Matthew Johnstone: Mein schwarzer Hund. Wie ich meine Depression an die Leine legte., Kunstmann Verlag, geb., o.Pag.
Fr. 20.– (Für Betroffene, Angehörige und Laien eines der besten Bücher zu diesem Thema.)

Melancholie des ReisensTag 21 – Es gibt mehr sprachmächtige Autorinnen und Autoren als man gemeinhin annimmt. Einer davon ist Michael Roes; in den vergangenen 25 Jahren sind wohl knapp zehn Bücher erschienen, die alle da und dort einmal ganz gut rezensiert wurden und Preise erhielten, doch trotzdem, zumindest in der Schweiz, nie wirklich im Buchhandel und einem breiteren Lesepublikum angekommen sind. Zugegeben, Michael Roes wird kaum den Anspruch geltend machen, als Bestsellerautor wahrgenommen zu werden. Und wenn ich für ihn und seine Bücher eine Lanze breche, wird er auch nicht dahin kommen. Vergangenes Jahr erschien sein umfangreicher Roman Herida Duro; die gleichnamige Protagonistin wächst in den abgelegenen Bergen Albaniens, da männliche Nachfolger fehlen, wie ein Junge auf. Erst in der Hauptstadt Tirana gewinnt sie Anerkennung als Filmemacherin; ihr grosser Durchbruch jedoch wird ihr in Italien zuteil, wo sie in einem Film, der einen an Pasolini erinnert Herkunft und neue Freiheit zu deuten vermag.
Melancholie des Reisens heist der soeben erschienene, ebenfalls umfangreiche Band, der ein gutes Dutzend Reiseerzählungen, die hauptsächlich in den Nahen Osten, Arabien und Nordafrika führen, und Reflexionen übers Reisen versammelt. Roes ist nicht nur ein versierter Stilist und genauer Beobachter, seine Reflexionen übers Reisen stellen auch immer seine eigenen Vorstellungen auf die Probe und in Frage. Ein faszinierendes Buch für alle Reisende die wissen oder zumindest ahnen, dass jede Reise, auch die ureigene einmal ein Ende nimmt.
Michael Roes: Herida Duro. Roman, Schöffling Verlag, geb., 577 S., Fr. 38.–
Michael Roes: Melancholie des Reisens; Schöffling Verlag, geb., 531 S.; Fr. 37.–

Tag 20 – Ich bin im Hintertreffen mit meinem Tagestipp und möchte deshalb auf drei Kurzempfehlungen der NZZ am Sonntag hinweisen, die ich Ihnen, sollten Sie diese nicht schon zur Kenntnis genommen haben, gerne weiterempfehle: Es sind dies: Hansjörg Schneiders zehnter Krimi Hunkeler in der Wildnis, der etwas bieder und behäbig daherkommt; dann  Aris Fioretos‘  Roman Nelly B.s Herz. Der gebürtige Grieche, der in Schweden lebt, wählte als Protagonistin für seinen neuen Roman eine reale Person: die 1886 geborene Amelie Beese, die als erste Frau Deutschlands 1911 den Pilotenschein machte und 1923 vom Arzt aufgrund eines Herzleidens Flugverbot erhielt. In 100 kurzen Kapiteln nähert sich der Autor nun der fiktionalen Nelly B. an, erzählt, wie sie, vom Himmel geholt, ihren Mann verlässt und ihr Glück mit einer jüngeren Frau versucht, wie sie sich als Motorradverkäuferin durchschlägt und sich, noch keine vierzig Jahre alt, umbringt. Fioretos gelingt ein mitreissendes Porträt einer Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort zur Welt gekommen ist.  und zum Schluss noch den packenden Wenderoman Stern 111 von Lutz Seiler, der für dieses Buch mit dem Preis der (abgesagten) Leipziger Buchmesse 2020 ausgezeichnet wurde.  Dazu etwas mehr im nachfolgenden pdf. der NZZ. NZZ_am_Sonntag_20200405_Seite_44

 

Tag 19Superbusen – Dieses Buch hat alles, um zu einem Kultbuch und Bestseller zu werden, insbesondere bei Leserinnen, die sich für Kitas einsetzen und gegen die aufkommende Rechte mit ihren verkorksten Männderfantasien demonstrieren, für saubere Energie sind und Gleichberechtigung der Geschlechter in Beruf und in der Familie, für Menschen und vor allem Frauen also, die sich für eine lustvollere, friedlichere und gerechtere Gesellschaft einsetzen. Dass ein solches Leben nicht Zuckerschlecken ist und nicht stromlinienförmig verläuft, wirssen wir alle. Gisela, die Protagonistin von Paula Irmschlers Roman, zieht aus dem Mief von Chemnitz nach Berlin, doch auch da steckt überall der Wurm drin. Sie kehrt zurück und trifft dort auf Freundinnen, die die Welt ebenfalls nicht so aktzeptieren wollen, wie sie ist und sie gründen eine Band: Superbusen. Doch auch da fallen einem die Batzen nicht einfach in die Hand und bei einigen Besäufnissen geht’s einem auch nur bedingt besser. Ein flott geschriebener Roman mit viel Witz, in dem sich wohl viele wiederfinden werden, denen das Strabbeln um gute Posten und Geld suspekt ist und die sich dennoch auch um traute Zweisamkeit und eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit sehnen; aber eben nicht um jeden Preis. Ein Buch für alle, die das Diktum Adornos, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, nicht akzeptieren.
Margarete Stokowski, eine gewiefte Ikone des modernen Feminismus, unterstützt ihre Schriftstellerkollegin mit einem markigen Werbespruch: „Paula Irmschler lesen ist wie Saufen mit der besten Freundin, aber ohne Kater. Magisch.“
Paula Irmschler: Superbusen. Claassen Verlag, geb., 312 S., Fr. 26.90

Tag 18 – Ohne Zweifel: Im Originaltext ein Buch zu lesen, ist ein Privileg und Glück zugleich. Allerdings: Für die meisten, auch für mich, erfordert die Lektüre in einer Fremdsprache mehr Zeit. In jüngster Vergangenheit gönnte ich mir allerdings die Musse, ein paar erfolgreiche Übersetzungen hochgelobter Bücher im Original zu lesen oder zumindest anzulesen. Verglichen hab ich dabei  Kent Haruf’s „Plainsong“/“Lied der Weite“ und Elizabeth Strout’s „Olive, again“/“Die langen Abende“. Harufs Romane spielen in einer fiktiven Kleinstadt in Colorado, Strouts beide Olive-Romane handeln in Crosby, einer imaginären Kleinstadt in Main, ganz im Nordosten der USA. Beide erzählen Geschichten von unauffälligen Menschen, von unspektakulären Ereignissen, von einer stupenden Normalität. Wir folgen lesend dem Alltag ihrer Protagonisten, teilen ihr kleines  und grosses Glück und auch Leid. Kent und Strout pflegen einen ganz ähnlichen Stil; da gibt es keine geschraubten Sätze, ihre Sprache ist klar und einfach, wobei sie genau beobachten und beschreiben; keine Clichés und strapazierten Metaphern kaschieren sprachliches Unvermögen. Ihre Bücher lassen auch in deutscher Übersetzung mühelos die ProtagonistInnen aufleben – und dennoch fehlt ein gewisses Etwas, was einem aber erst auffällt, wenn man die Bücher im Original liest. So würde kein Lektor einem deutschsprachigen Autor die Beschreibung eines Sonnenaufgangs durchgehen lassen, der eine Sache „rot und röter“ färbt. Bei Haruf liest man das so: „….that increased reddening of sunrise…“ Das mögen Peanuts sein, doch beliebig viele Beispiele zeigen, dass ein einfacher Sprachgebrauch im Original lakonisch sein kann, und in der Übersetzung das fehlt, was in diesen Beispielen die Weltanschauung einer gewissen Unter- oder Mittelschicht weisser US-Amerikaner widerspiegelt. Da vibriert zwischen den Zeilen, unausgesprochen, dass die Landschaft, die Natur, die fehlenden Sozialversicherungen, die Freiheit des Individuums etc. etc. prägende Faktoren eines Landes sind. Oder, wie Alan Bennett in seinem Buch Der souveräne Leser (vgl. Tag 13) meint: Franz Kafkas Texte sähen ganz anders aus, wenn er nicht zeitlebens in kleinbürgerlichen Mietwohnungen gelebt hätte.
Überzeugt empfehle ich Ihnen, ob im Original oder auf Deutsch, Kent Haruf und Elizabeth Strout, ihre Romanfiguren tragen das Herz dort, wo wir es auch kennen.
Kent Haruf: Plainsong; Picador TB, 288 S., Fr. 16.50
Kent Haruf: Lied der Weite; Diogenes TB, 377 S., Fr. 17.–
Elizabeth Strout: Olive, Again; Random House, geb., 289 S., Fr. 22.40
Elizabeth Strout: Die langen Abende; Luchterhand, geb., 352 S., Fr. 28.–

Tag 17 – Editorische Grossprojekte werden von seriösen Publikumsverlagen immer seltener gewagt, zu gross und begründet wohl auch ist die Befürchtung, dass Subskribenten abspringen werden im Laufe der Zeit, da sich das schnelllebige Interesse sich wandelt – oder auch, dass der Editionsplan die Lebenszeit der Geduldigen überdauert. Nie zuvor gab es unter den Bücher-Fass-KundInnen mehr Subskribierende auf ein Gesamtwerk wie auf die Ausgabe von Jean-Henri Fabre’s Erinnerungen eines Insektenforschers. Der erste Band erschien 2010, dieses Frühjahr nun ist der zehnte Band in die Buchhandlungen gekommen. Was für ein vielfältiges Werk, das sich doch „nur“ auf Kleines fokussiert: auf Insekten! Welche Erkenntnis, die wir heutige LerserInnen daraus schöpfen können, und das fürs Die LuftLeben! Der 1823 in Saint-Léons du Lézézou  (ein Grund, wieder einmal Ihren Atlas hervorzuholen) frühe Wegbereiter der Verhaltensforschung war ein begnadeter Beobachter und Beschreiber dessen, was er gesehen hat – mit Empathie, analytisch präzis und sprachlich eloquent. Ob wir nun im ersten Band etwas über den „Heiligen Pillendreher“ efahren oder im letzten Band nun über den „Stierkotfresser“, wir folgen gebannt dem, was die Natur am Leben hält und uns Menschen begeistern kann. Jeder Band ist bis anhin auch einzeln erhältlich, doch wenn Sie der Naturbetrachtung und der Literatur ein Leben lang sich verbunden fühlen, dann gibt’s nur das Gesamtwerk!
Seit 1983 schon gibt es in der Friedenauer Presse einen exklusiven Sonderdruck „L’air, nécessaire à la vie“, ein Manuskript, das der Herausgeber Christopher Middleton 1982 erwerben konnte. Der Text geht wohl zurück auf einen der zahreichen populärwissenschaftlichen Vorträge, die Fabre in jüngeren Jahren gehalten hat.
Fabre übrigens war auch ein begnadeter Zeichner und Maler. So aquarellisierte er fast 700 Pilzarten, von denen einige schon ausgestorben sind. Den grossformatigen Band finden Pilzfreunde ebenfalls im Bücher-Fass.
Jean-Henri Fabre: Erinnerungen eines Insektenforschers X; Verlag Matthes und Seitz, 2020, Ln., 349 S., Fr. 45.– (Gesamtwerk in 10 Bde. Fr. 450.–) ;
Jean-Henri Fabre: Pilze, Matthes und Seitz, Grossformat, geb. Fr. 99.-
Jean-Henri Fabre: Die Luft; Friedenauer Presse; elegant in marmoriertem Papier, Faden geheftet; 23 S., Fr. 16.50

Tag 16 – Auch wir lesen nicht in jeder freien Minute. Ein Blick ins Fernsehprogramm nach der Tagesschau animierte uns, einen Film für spätere Zeiten aufzunehmen und wir kamen nicht mehr los.
Erstmals seit bald nun 50 Jahren möchte ich Sie vor dem Buch auf einen Film hinweisen, der heute abend bei TV arte ausgestrahlt wurde: „Das Mädchen Wadjda“ von der saudischen Drehbuchautorin und Filmemacherin Hayfa Al Mansour. Das Buch erschien in Deutsch erstmals vor fünf Jahren und wurde mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Ich Das Mädchen Wadjdakannte und kenne  das Buch bis heute nicht. Doch der Film, es sei der erste Kinofilm, der vollständig in Saudiarabien gedreht wurde, ist schlicht ein Hammer. Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Wadjda, das sich nichts sehnlicher wünscht als ein Velo. Ein Traum, der für ein Mädchen in Saudiarabien bis heute nicht oft in Erfüllung gehen wird. Es ist schlicht unglaublich, mit welch einfachen Mitteln es der Regisseurin gelingt, die saudisch-muslimische Gesellschaft zu zeigen, das Patriarchat, die untergeordnete Rolle der Frau, das enge Korsett der autoritären Gesellschaft.  Hayfa Al Mansours poetischer Film klagt nicht plakativ an und öffnet dennoch auch Blinden die Augen. Er reisst einen nicht in eine Depression, sondern entlässt einen heiter gerührt wieder in den Alltag. Ein cineastisches Meisterwerk. Wenn Sie die entsprechenden Geräte zuhause haben, lässt sich der Film auch eine Woche lang nachgucken. Ansonsten ist  das Bücher-Fass gerne für Sie da und besorgt Ihnen sowohl das Buch wie auch eine DVD.
Hayfa Al Manour: Das Mädchen Wadjda, cbj, geb., 304 S., Fr. 18.20
und die Film-CD kostet Fr. 15.–

Tag 15 – 31.03.2020, Yvette Z’Graggen, die grossartige Genfer Autorin, könnte heute ihren 100-sten Geburtstag feiern. Vor 20 Jahren las sie noch aus ihrem Roman „La Punta“ im Rahmen der Schaffhauser Buchwoche in der „Sommerlust“. Yvette Z’Graggen ist in welschschweizerischen Landen ein literarischer Findling; ihr Roman Matthias Berg zum Beispiel wird noch heute an der Kantonsschule Schaffhausen als Maturalektüre gelesen. „Kurz vor dem Regen“ ist ihr letzter Roman, der nochmals zurück in ihre Jugendzeit blendet. Ein Jahr vor ihrem Tod 2012 erschienen, nimmt dieser Text einen frühen Roman aus dem Jahre 1939 auf und verfolgt dabei die Frage, was geschehen wäre, wenn ihr Alter Ego den deutschen Freund (oder Geliebten?) nicht abgewiesen hätte. Dieser spät-frühe Roman führt einen fast ein Jahrhundert zurück und lässt unspektakulär und sprachlich ungekünstelt eine  Epoche aufleben, wie sie Nachgeborene nie in dieser Autenthizität nachzuerzählen im Stande sind. Dem engagierten Lenos Verlag, einem Weggefährten des Bücher-Fass‘,  gratuliere ich für seinen verlegerischen Atem, das Werk der bedeutenden Autorin aus der Romandie auch im deutschen Sprachraum wach zu halten.
Yvette Z’Graggen: Kurz vor dem Regen. Lenos Verlag, geb., 175 S., Fr. 27.50

Tag 14 – Böse Jungs. Auf den vierten Band dieser Kultserie haben viele gewartet, vor allem Jungs. Der erste Band, 2016 erschienen, wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und wahrscheinlich hab ich damals schon etwas verpasst. Der vierte, soeben erschienene Band mit dem Untertitel „Der Angriff der Miezekätzchen“ ist eine derart schräge Bildergeschichte, dass ich als Opa den Jungen in mir wieder finde und schlicht begeistert bin, auch wenn der Band zuweilen alles von mir forderte.
Die Zombimiezen heizen im neuen Band den bösen Jungs – dem Wolf, dem Hai, dem Wurm und dem Piranha – ziemlich ein; doch zur schlechten Nachricht, dass die Welt bald untergehen könnte, gibts auch die gute: Die bösen Jungs sind wieder da, um sie zu retten. Da geht einiges im Palaver zwischen ihnen zwar nicht ganz korrekt  her und zu; aber wenn sie begeistert sind von der Pilotin und Agentin Fox und gleichzeitig  etwas zerknirscht zueinander meinen: „Sie hat uns schon wieder gerettet. Langsam wirds etwas peinlich“,  dann wird auch klar, dass sie das Herz auf dem rechten Fleck haben. Ein echt tolles Buch, vor allem für Jungs und jung gebliebene Männer und Väter – auch wenn es den Müttern auf den ersten Blick pädagogisch nicht ganz wertvoll vorkommen mag.
Aaron Blabey: Böse Jungs Bd. 4; Der Angriff der Miezekätzchen; Baumhaus Verlag, geb. 140 S., Fr. 14.50

Tag 13 – 29. März 2020. Heute, auf den Tag genau, wurde im Handelsregister das Bücher-Fass Georg Freivogel publiziert. Ein Grund für mich und meine Partnerin Gabriele, die auch im Bücher-Fass tätig ist, trotz Schnee und Covid-19 auf das dreissigjährige Jubiläum anzustossen.
Vergangene Woche erhielten wir neue Bücher aus dem Wagenbach Verlag. Eines davon möchte ich heute kurz vorstellen; es wird nicht das letzte sein. Vor zwölf Jahren ist von Alan Bennett das köstliche, amüsante, hellsichtig-sympathische und erst noch schön gestaltete Bändchen „Die souveräne Leserin“ in Wagenbachs Salto-Reihe erschienen. Bennett lässt da in einer verborgenen Ecke des Windsor Parks  Queen Elizabeth den fahrenden Bibliothekar und mit ihm vor allem auch den Küchenburschen Norman kennen. Über diesen kommt die Queen zur Literatur, zum Nachdenken, zum Handeln. Ein Bijoux von einem Buch, das Freude bereitet.
Nun doppelt Wagenbach nach mit „Der souveräne Leser“. Das Buch des 1934 geborenen Autors, und in England äusserst populären Dramatikers, stellte sein deutscher Verlag aus drei englischen Titeln zusammen. Der Band versammelt Texte zur Literatur, speziell da zu Kafka, aber auch eine kleine Reminiszenz zu John Buchan und seinem James-Bond-Vorgänger Sir Richard Hannay fehlt nicht. Dass dieser, einer meiner Lieblinge der Kitsch- und Abenteuerliteratur sein Fett abkriegt, erstaunt natürlich nicht. Spannend sind auch seine anekdotenhaften Überlegungen zu George Steiner und Isaiah Berlin, die mehr über den Leser aussagen als über die Texte der beiden Intellektuellen. Das schmale Bändchen ist ein Füllhorn von funkelnden Gedanken, leicht und doch überraschend nachhallend.
Alan Bennett: Der souveräne Leser, Wagenbach Verlag, schön in Leinen gebunden, 139 S., ca. Fr. 25.–

Tag 12 aktuelle Sachbücher zu Philosophie, Geschichte, Politik, Kulturwissenschaften oder auch zu naturwissenschaftlichen Themen finden Sie immer im rechten Schaufenster, wenn Sie davor stehen. Diese Bücher verkaufen wir ganz selten stapelweise, so kann es sein, dass Sie ein paar Wochen zuvor ein Buch gesehen haben, das Sie interessiert und das dann plötzlich nicht mehr im Fenster steht. Wahrscheinlich haben Sie jedoch eine Ahnung, um was für ein Thema es sich handelte, oder wie der Autor/die Autorin heisst, dann finden wir den Titel schon wieder.
Das Bücher-Fass hat kein Warenwirtschaftsprogramm, wo einem der Computer zeigt, ob ein Buch an Lager ist oder nicht. Dieser Computer sind wir selbst. Das funktioniert deshalb, weil wir für alle Bücher einen Grund haben, dass es an Lager ist – oder eben nach einem Verkauf auch nicht mehr. Massgebend dazu ist nicht die elektronische Lagerbestandsgeschwindigkeit, sondern, etwas salopp gesagt, mein Bauchgefühl.
1918 - Die Welt im FieberAus aktuellem Anlass sei noch auf das Buch von Laura Spinney hingewiesen: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschadft veränderte. 1918 endete nicht nur der Erste Weltkrieg; ein Virus, unsichtbar und lautlos, doch so mörderisch wie Kanonen, packte weltweit einen Drittel der Bevölkerung und forderte nochmals Millionen von Opfern. Das Buch zeigt, süffig geschrieben, wie sich die „Influenza“ 1918/19 rasant ausgebreitet hat, mit verheerenden Folgen. Das Buch zeigt aber auch, dass grosse wirtschaftliche Verluste auch wieder wettgemacht werden und gesellschaftliche  Veränderungen bis jetzt nie zu einem finalen Kollaps geführt haben. Man könnte aus Fehlern lernen. Das erzählen uns ja immer auch die Lehrerinnen und Lehrer. Erinnern wir uns daran und versuchen es.
Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber; C.H. Beck; geb., 384 S., Fr.

Tag 11 – Das Wetter zeigt sich frühlingshaft sonnig und mild, genau richtig für ein neues mittleres Schaufenster. Dieses widmen wir in unregelmässigen Abständen all den Themenbereichen, die fürs Bücher-Fass so wichtig sind wie die Belletristik oder das Sachbuch: Reiseführer, Kunst, Kinder- und Bilderbücher, Kochen, Fotobände etc. Der Jahreszeit entsprechend finden Sie nun unsere Lieblingsbilderbücher für Ostern sowie ein paar spezielle Tipps für Gärtnerinnen und Gärtner, die sich mit Permakultur oder der Technik des Hochbeetes bekannt machen möchten.
Besonders aufmerksam möchte ich Sie dabei auf ein neues, kommendes Standarwerk: Die Flora des Kantons Zürich, herausgegeben von der Zürcherischen Botanischen Gesellschaft. Im Gegensatz zur längst etablierten Flora Helvetica, die alle wildwachsenden Pflanzden der Schweiz botanisch beschreibt, nimmt sich das Zürcher Pendant vor, alle 1757 im Kanton ZH vorkommenden wildwachenden Pflanzen zu beschreiben und – einzigartig – für jede Art eine Verbreitungskarte zu geben.
1. Auflage 2020
1128 Seiten Seiten, über 3500 Farbfotos, rund 1760 Verbreitungskarten, 95 Abb., 15 Tab.
gebunden, 15,5 x 22,5 cm, 1946 g
Haupt Verlag, CHF 120

Tag 10 – Jetzt, wo viele von uns zu Hause sind und eigentlich alle nur noch Lebensmittel und Medikamente einkaufen können, fällt das Stöbern nach Lesestoff in der Lieblingsbuchhandlung ins Wasser und die Inspirationen, die einem Algorithmen eingeben möchten, zielen oft daneben, weil sie Wünsche und Bedürfnisse nicht in Echtzeit kennen. Wir stellen immer wieder fest,  dass unsere Schaufenster recht gut beachtet werden, auch wenn wir zugegebenerweise keine Dekorationshirsche sind. Und da ich zuweilen auch etwas überfordert bin, jeden Tag eine Neuerscheinung vorzustellen, finden Sie für die kommenden drei Tage unsere Schaufenster als Inspirationsquelle. Wenn Sie ein Titel anspricht und Sie darüber gerne mehr wissen möchten, sind wir auch telefonisch für Sie da: Dienstag bis Samstag von 10 – 14 Uhr.

Tragen Sie sich weiterhin Sorge und bleiben Sie gesund. Wir freuen uns jetzt schon wieder auf die Zeit, wenn wir im Laden über Bücher schwatzen können.

 

Edward HopperTag 9 – Edward Hopper gilt nicht nur als Ikone der amerikanischen Malerei des 20. Jahrhunderts. Hoppers Bilder sind kaum verwechselbar; was seine Kunst in meinen bescheidenen Augen jedoch darüber hinaus auszeichnet, sind zwei Aspekte: Zum einen sind seine Gemälde exzellent komponiert und nehmen den Betrachter derart in Bann, dass er oder sie intuitiv angesprochen werden: Ein schönes Bild, das gefällt mir. Doch gleich danach bleibt einem dennoch die Sprache weg: Was daran ist denn schön? Die Farbgebung, die Komposition, auch das realistische Abbild eines Lebens oder/und der Natur. Doch sind diese Inhalte denn auch wirklich schön? Hoppers Kunst lebt intensiv aus diesen Gegensätzen, fasziniert einen und lässt einen kaum mehr los. Die grosse Ausstellung in der Fondation Beyeler ist aus bekanntem Grund leider geschlossen, der Katalog begeistert einen jedoch auf Jahre hinaus.
Edward Hopper. Ausstellungskatalog, Verlag Hatje/Cantz, geb., 146 S., Fr. 73.00

 

Fremdheiten und FreundschaftenTag 8Fremdheiten und Freundschaften, ein schöner und verheissungsvoller Titel, der alle Facetten des Lebens trifft und unausgesprochen festhält: Es steht nirgends geschrieben, dass das Leben einfach sei – aber es ist auch ohne Zweifel schön, herausfordernd, spannend. Die beiden titelgebenden Begriffe verhalten sich auf den ersten Blick dichotom, das meint unvereinbar. Die äusserst anregenden Essays der emeritierten Professorin für Erziehungswissenschaften an der TU Berlin, die sich schon seit vierzig Jahren für die Belange der Frauenrechte und des Feminismus einsetzt, zeigen eindrücklich, dass Nachdenken über das Leben in allen Belangen sich eben nicht darauf fokussieren kann, eine schwarz-weiss Fotografie zu liefern, sondern dass Nachdenken oft viel im Offenen lässt. Ein anspruchsvolles Buch, sprachlich wie gedanklich, doch eines, das die Sinne schärft und einem/einer das Leben darob nicht vergällt.
Christina Thürmer-Rohr: Fremdheiten und Freundschaften. Essays., transcript gender studies, br., 284 S., Fr. 37.50

Tag 7 – Omar, der Zeltmacher, ist in Persien einer der berühmtesten Wissenschafter und Schriftsteller. Wie sein Name vermuten lässt, handelt es sich um einen Klassiker. Wer Persien oder den Iran bereist hat, kennt ihn jedoch gewiss: Omar Chajjam (oder Chayyam) je nach Schreibweise. Er lebte schon bevor die drei Eidgenossen auf dem Rütli den Bund beschworen, nämlich von 1048 – 1131, geboren und gestorben in Nishapur. Omar war ein bedeutender Mathematiker und vor allem auch Astrologe, seine wissenschaftlichen Werke sind allerdings verschollen oder im Verlauf der Zeit untergegangen. Geblieben sind seine nach wie vor gültige Zeitrechnung des iranischen Kalenders und die auch im deutschen Sprachraum noch immer da und dort bekannten Rubaiyat, seine vierversigen Sinnsprüche. Eine schöne, kleine Ausgabe davon gibt es in der Insel-Bücherei; formidabel enthalten sind sie aber auch im gediegenen Band aus dem Beck Verlag, wo Cyrus Atabay die schönsten klassischen Gedichte aus dem klassischen Persien versammelt.
Nachfolgendes Rubai  habe ich der Übersetzung von Friedrich Rosen entnommen (Insel Verlag, 1929).

Von allen, die auf Erden ich gekannt,
Ich nur zwei Arten Menschen glücklich fand:
Den, der der Welt Geheimnis tief erforscht,
Und den, der nicht ein Wort davon verstand.

Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers. Insel-Bücherei 1433, schön geb., 61 S., Fr, 18.90
Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen fon Cyrus Atabay. C.H. Beck Verlag, Ln., 232 S., Fr. 34.–

Tag 6 -Charlie Mackesy was born in 1962 during a very cold snowy winter in Northumberland.

Man findet im Internet wenig über den Autor und Künstler, der gemäss seinem deutschen Verleger einen Nr. 1 Bestseller in den USA und Grossbritannien publiziert hat. Er habe auch nie eine Kunstakademie besucht; nur für einige, allerdings ziemlich namhafte, Zeitschriften sei er als Cartoonist tätig gewesen. Das ist sympathisch.
Sein Buch also, es scheint das erste zu sein, hat alles, was es zu einem echten – und vor allem: überzeugenden – Wohlfühlbuch braucht. Die Lebensweisheiten, die der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd untereinander austauschen, sind zwar nicht wirklich neu, aber aus neuen Blickwinkeln erzählt. Sie greifen zurück auf moralische Verhaltensweisen, aber nur solche zweiter oder dritten Grades – freundlich sein zum Beispiel, oder so weit zuversichtlich, dass auch etwas zu wagen möglich ist. Die vier Protagonisten bringen in meiner Lesart alle Fähigkeiten und Hoffnungen mit sich, von denen wohl auch die Bremer Stadtmusikanten aus dem Märchen der Gebrüder Grimm ihre Kraft bezogen haben. Charlie Mackesy konnte mit seiner Geschichte auch mich in Bann ziehen, wohl deshalb, weil sein Bilderbuch auch seiner Lebenshaltung zu entsprechen schein. Ein Buch für schwierige und gute Zeiten, ein Buch auch für jedes Alter.
Charlie Macksey: Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd. List Verlag, geb. und reich illustriert, ohne Paginierung, aber gefühlte 60 Seiten, Fr. 26.90

Tag 5 _ Long Bright River, der Titel der amerikanischen Ausgabe wurde für die deutsche beibehalten, eher als Roman denn als Thriller zu charakterisieren ist, mag Haarspalterei sein. Liz Moore gelingt in ihrem vierten Buch auf jeden Fall Erstaunliches: Als LeserIn folgen Sie atemlos dem handlungsreichen thrill der Geschichte zweier Schwestern. Mickey arbeitet angepasst als Streifenpolizistin, Kacey ist drogenabhängig, geht auf den Strich, um zum Stoff zu kommen. Einst waren sie Freundinnen, nun haben sie sich auseinander gelebt. Was den Roman vom reinen Thriller abhebt, ist diese Geschichte von zwei Schwestern aus unterprivilegiertem Milieu, die weit mehr ist als eine Folie, vor der sich Mord und Korruption abspielen. Kein Roman, der in die Weltliteratur eingehen wird, aber dennoch einer, der einem lange in Erinnerung bleibt.
Liz Moore: Long Bright River. Roman, Beck Verlag, geb., 414 S., Fr.

Jeder hat. Niemand darfTag 4 – Katja Riemann ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, die in verschiedensten Rollen in Kinofilmen und Fernsehen anzutreffen  ist. Auch als Sängerin darf sie auf einige Meriten zurückblicken und nun, nach einem Kinderbuch, auch noch als Autorin: „Jeder hat. Niemand darf.“ Katja Riemann ist seit 20 Jahren UNICEF-Botschafterin und bereiste in dieser Funktion zahlreiche Länder der Dritten Welt. Der Titel des Buches geht auf die Erklärung der Menschenrechte zurück, von denen einige programmatisch damit beginnen:  Jeder hat das Recht… oder Niemand darf….  Meine Skepsis dem Buch gegenüber wich, als der Tages-Anzeige eine Veranstaltung mit der Autorin im Kaufleuten auf einer ganzen Seite Vorschusslorbeeren austeilte. Die Lektüre allerdings enttäuscht und bringt ausser Namedropings, pauschalen Vorurteilen und allzu saloppen Charakterisierungen von Menschen „…er läuft mit einer Krücke, seine Hüfte ist out of order..“.
Katja Riemann: Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen; S. Fischer Verlag, geb., 395 S., Fr. 33.90

Fahrplanmäßiger AufenthaltTag 3 – Franz Hohler und Peter Bichsel sind mittlerweile Urgesteine der Schweizer Literatur und beide tragen noch immer das Herz auf der linken Seite, dort, wo es auch anatomisch liegt. Was allerdings nicht heisst, dass sie unkritische Mitläufer einer politischen Partei sind. Von beiden sind kurz vor dem noch gewöhnungsbedürftigen Lockdown neue Bücher erschienen. Vom 1943 geborenen Franz Hohler sind es Geschichten verschiedener Herkunft, von Peter Bichsel, Jahrgang 1935, sind es frühe Texte und Kolumnen aus den Jahren 1963 – 1971. Dennoch liegt zwischen ihrem schriftstellerischem Werk ein veritabler Graben. Bichsel kommt analytischen und, im engeren Sinne, literarischen Ansprüchen näher, Hohler schlägt eher diejenigen in Bann, der ihre Meinung teilt und unterstützt oder aucvh diejenigen, die sich fantastisch-verspielte Texte wünschen. Auch der Esel hat eine SeeleFranz Hohlers neues Buch versammelt kurze Texte aus jüngster Zeit – von Reiseimpressionen bis zum Märchen aus neuster Zeit, Peter Bichsels Buch ist eine Fundgrube früher journalistischer Texte. Wenn meine Vorliebe bei Peter Bichsel liegt, dann vor allem deshalb, weil mein Erkenntnisgewinn verknüpft mit Lustgewinn bei seinen Texten nachhaltiger ist. Es ist unglaublich, wie aktuell diese 50-60 Jahre alten Kolumnen sind, stilistisch einerseits, inhaltlich andererseits. Franz Hohler auf der anderen Seite zeigt eindrücklich und individuell nachvollziehbar, dass der oft geschmähte Gutmensch eben auch ein integrer Mensch sein kann, und zeigt unakademisch, wie man danach handelt.
Franz Hohler:  Fahrplanmässiger Aufenthalt. 43 Geschichten (von Appenzell bis Usbekistan); Luchterhand Verlag, geb., 104 S.,
Fr. 24.–
Peter Bichsel: Auch der Esel hat eine Seele. Frühe Text und Kolumnen 1963-1971; Suhrkamp, br., 348. S., Fr. 24.70

Tag 2 – Monika Helfer, geb. 1947, lebt als Schriftstellerin mit ihrer Familie im Bregenzerwald. „Die Bagage“ heisst ihr neuer, schmaler Roman. Der Buchtitel und das Titelbild (von Gerhard Richter) lassen einen auf den ersten Blick im Ungewissen. Als Bagage, so lernt man im Roman, bezeichneten die Menschen im abgelegenen Bregenzerwald, wo der Roman zum Teil auch spielt, diejenigen Leute, die auf der untersten sozialen Stufe standen, die Träger oder Taglöhner von den entlegenen Höfen. Das Buch ist eigentlich als Drei-Generationen-Roman angelegt, erzählt aus der Sicht der Enkelin. Im Zentrum aber stehen die schöne Grossmutter Maria, der Grossvater Josef, und die Mutter der Erzählerin, Grete, von der Josef zeitlebens glaubt, es sei nicht seine Tochter. Im Roman ohne Kapitel wechselt die Autorin geschickt sowohl die Ebenen von Zeit und Ort, was den Text nicht zur schnell konsumierbaren Lektüre werden lässt. Monika Helfer zeichnet ihre Romanfiguren scharf und karg, nie jedoch wirken sie holzschnittartig, sondern bleiben stets lebendig. Im Gegensatz zum Cover von Richter, das eine urbane Erzählung vermuten lässt, verleiht die Autorin dem Entlegenen, Ländlichen, Hinterwäldlerischen und Sprachlosen eine intensive Stimme, die lange nachhallt.
Monika Helfer: Die Bagage.  Roman. Hanser Verlag, geb.,
158 S., Fr. 25.50

Tag 1 Die Kraft der Demokratie. Roger de Weck’s Buch besticht durch das liberale Engagement des Autors. In drei grossen Kapiteln geht der ehemalige Chefredaktor des Tagis und der ZEIT auf die Hintergründe und Strömungen der Gegner einer liberalen Demokratie ein, hinterfragt auch den oft etwas zu lockeren Umgang seitens eigentlich aufgeschlossenen Demokraten und skizziert zum Schluss einige Gedanken, wie eine lebendige Demokratie aussehen könnte. Behalten Sie, auch wenn Sie das Buch nicht erwerben mögen, folgenden Satz in Erinnerung: Die Zukunft bringt Unbekanntes, doch da Bekannte prägt die Zukunftsbilder. (S. 231).
Roger de Weck: Die Kraft der Demokratie. Eine Antwort  auf die autoritären Reaktionäre. Suhrkamp Verlag, geb., 327 S., Fr. 33.90

Alle Jahre wieder empfehlen wir mit unserem Weihnachtsbrief Literatur nicht nur zum Weihnachtsfest, sondern auch für alle  möglichen Gelegenheiten.  Hier gehts zum Link:
Weihnachtsbrief_2019

 

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