40 Jahre FASS

40 Jahre Genossenschaft zum Eichenen Fass – ein kurzer Rückblick

Schon 1974 ist uns von der Buch- und Kunsthandlung Die Klause bewusst geworden, dass die Buchhandlung längerfristig nur dann bestehen kann, wenn wir nicht abhängig sein würden von Bodenpreisen und Spekulanten. Als im Herbst desselben Jahres  eine grosse Liegenschaft an der Vordergasse zum Verkauf angeboten wurde, bekundeten wir unser Interesse; wir entwarfen Utopien, wie das Haus mit Kultur, Geschäften und einem Restaurant zu beleben und wirtschaftlich zu betreiben wäre, liessen von einem Architekten Entwürfe machen und Kostenschätzungen. Doch die Zeit war noch nicht reif dafür. Zwei Jahre später bekamen wir Wind,  dass die Liegenschaft „Zum Eichenen Fass“, die seit einigen Jahren leer stand, zu kaufen ist und schon im Februar 1977 unterschrieben Toni Meier, Erwin Hauser, Werner Fleischmann, Barbara Ackermann, Manfred Gerig, Susanne Jäggi und ich den Kaufvertrag. Kurz darauf beauftragten wir ein befreundetes Architekturbüro mit der Planung des Totalumbaus gemäss unseren Bedürfnissen des informellen Zusammenarbeitens und bereiteten gleichzeitig die Umwandlung unserer einfachen Gesellschaft in eine Genossenschaft vor.

1978. Die christlichen Feiertage standen damals früh im Kalender – Auffahrt fiel auf den 4. Mai und  Pfingsten, wie immer zehn Tage später, wurde zu einem  betriebsamen Wochenende.  Am Pfingstmontag turnten wir nochmals auf dem Baugerüst im Fasskeller, um dem zukünftigen Theaterraum den letzten Anstrich zu geben.
Wir freuten uns auf Pfingstdienstag, freuten uns auf ein ausgelassenes Fest und freuten uns vor allem auch darauf, dass wir endlich in unserem eigenen Haus tätig werden konnten. Wir, das waren die zukünftigen Betreiber von Buchhandlung, Beiz, Theater, Lädeliladen, Dritte-Welt-Laden, Töpferei, Litfass; und wir waren auch stolz, dass es uns gelungen war, mit der Genossenschaft zum Eichenen Fass eine solide Trägerschaft der Liegenschaften aufzubauen, deren Statuten nicht vorsehen, dass unsere zukünftige Haubesitzerin, gewinnmaximierend wirtschaftet.  Und wir waren überzeugt, dass wir mit unseren neu gegründeten (z.B. Fass-Beiz) und auch schon jahrzehntealten alten Unternehmungen (z.B. Buchhandlung), die juristisch alle unabhängig von der Genossenschaft zum Eichenen Fass waren – und heute noch sind – in unserem FASS, ein Schrittchen in eine neue Wirtschaftsordnung, jenseits des Kapitalismus, unternehmen würden.

40 Jahre FASS also. Eine Erfolgsgeschichte? Gewiss, auch. Doch wie bei allen Utopien, die nicht nur auf dem Papier existieren, sondern die, zum Teil wenigstens, in die Praxis umgesetzt werden, gab und gibt es auch Verlierer und Opfer;  da ist es dem FASS bzw. seinen Betreibern nicht anders ergangen. Wir haben uns schon früh heftig gestritten, waren uns nicht einig über die  Generallinie, die eigentlich Abweichungen nur im Millimeterbereich erlaubte: Es kam zu Ausschlüssen und Austritten, Enttäuschungen und Frustrationen.

Als Einziger der Gründer und Mitbesitzer des Fass‘ arbeite ich noch immer mit meiner Buchhandlung in der Liegenschaft in der unteren Webergasse. Die Buchhandlung, bald hundertjährig, ist die letzte unabhängige, inhabergeführte Buchhandlung Schaffhausens, sie ist wirtschaftlich gesund und geniesst schweizweit unter Leserinnen und Lesern, aber auch innerhalb der Buchbranche einen guten Ruf. Zu diesem Gelingen gehörte auch etwas Glück,  die Gunst der Stunde und vor allem auch immer wieder die tatkräftige und wohlwollende Unterstützung  von Freunden und Freundinnen,  Kunden und Kundinnen.
Danke zu sagen braucht keine Geburtstage. Dennoch möchte ich  meinen oben schon genannten Mitinitianten und den Genossenschafterinnen und Genossenschaftern herzlich danken; sie haben aus Überzeugung ein Fundament gebaut, auf dem wir auch nach vierzig Jahren an einem Projekt – der Buchhandlung – und an einem Ort arbeiten dürfen, wo die Utopie auf eine gerechtere Gesellschaft noch nicht entsorgt wurde.

Vor 40 Jahren las im Rahmen der Eröffnungswoche Rolf Niederhauser aus seinem Roman Ein paar junge Leute haben es satt zu warten auf das Ende der blossen Vermutun,g dass es bessere Formen menschlicher Gemeinschaft gibt.
Zum 40jährigen Jubiläum hat Peter Stamm unsere Einladung angenommen und liest am 5. Juni um 19:30 Uhr im Fasskeller aus seinem neuen Roman Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt.

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